rtv sieht fern » Das streamt die Redaktion Vol. 2
rtv sieht fern » Das streamt die Redaktion Vol. 2

Das streamt die Redaktion Vol. 2

Das streamt die Redaktion Vol. 2

Das Angebot bei den großen Streaming Anbietern wie Netflix, Amazon & Co. wird jeden Monat umfangreicher. Da ist es nicht ganz leicht den Überblick zu behalten. Zur Inspiration verrät die rtv-Redaktion ihre ganz persönlichen Streaming-Highlights oder Flops: vom goldenen Kult-Klassiker über Doku, Krimi oder Comedy ist für jeden Geschmack etwas dabei. 

Florian streamt: "Türkisch für Anfänger" bei Amazon Prime

Szenenbild aus "Tprkisch für Anfänger"
©ARD

Pickeljahre eines TV-Stars: Im Multi-Kulti-Kult “Türkisch für Anfänger” gibt Frauenschwarm Elias M’Barek den prolligen Cem, einen Hans Dampf mit scharfer Sauce -und dicker Hose. Sein pubertätsgeplagter Gegenpart: Josefine Preuß als Lena, die sich damals schon ebenso schnutig gab wie heute. Diese beiden grundverschiedenen Teenager leben durch die Liaison ihrer Eltern notgedrungen unter einem Dach.

In der Patchwork-Familie regiert das Chaos. Da wäre die antiautoritäre Therapeuten-Mutter Doris (Anna Stieblich), die ihr “Gürkchen” zum Komasaufen animiert. Der türkischstämmige Polizistenvater Metin (Adnan Maral), der Lenas Bett nach Beischlafspuren untersucht. Seine ultrareligiöse Tochter Yagmur (Pega Ferydoni), die den Gebetsteppich stets in Griffweite hat. Und Lenas hochbegabter Nerd-Bruder Nils (Emil Reinke). Inmitten dieses täglichen Wahnsinns entdecken Cem und Lena die erste Liebe – ausgerechnet füreinander.

“Fack ju Göhte”-Schöpfer Bora Dağtekin zeigt in seiner Grimme-Preis-gekrönten Culture-Clash-Soap, dass er das genüssliche Spiel mit Vorurteilen und Klischees meisterlich beherrscht. Ein liebenswert-schräger Spaß um die Sorgen und Nöte einer ganz und gar nicht gewöhnlichen Familie. Weil diesem kulturellen Schmelztiegel mit jeder Staffel neue, skurrile Figuren entspringen, wird die Handlung immer wieder befeuert. Neben rotzfrechen Dialogen sorgt die von Irrungen und Wirrungen begleitete Teenagerliebe von Cem und Lena für Lacher in Serie. Wem nach 3 Staffeln nach Nachschlag verlangt, dem sei der gleichnamige Kinofilm wärmstens ans Herz gelegt. Es lebe die deutsch-türkische Fernsehfreundschaft!

Fazit: Ich heirate eine Familie in der Multi-Kulti-Version: Zu Recht Kult! 3 Staffeln abrufbar auf Amazon Prime

Sebastian streamt: "Andere Eltern" auf Sky Ticket

Szenenfoto aus Andere Eltern
©TNT Comedy

Die Comedyserie “Andere Eltern” ist witzig. Aber nicht immer, manchmal ist sie auch schwer zu ertragen. Weil die Qualität stark schwankt. Neben cleveren Alltagsbeobachtungen aus dem Leben nicht ganz so junger Eltern wird es oft auch etwas zu plump und zu doof. Aber vielleicht ist es diese Mischung, die die ungewöhnliche Produktion so interessant macht. Es gibt viel Hit and Miss. Das liegt auch am Stil. Die Rollen wurden nur skizziert, die Dialoge improvisiert.

Die 1. Staffel der “Mockumentary” erzählte von 10 Eltern, die gemeinsam eine Kita in Köln-Nippes gründen wollen. Derzeit läuft Staffel 2 auf dem Pay-TV-Sender TNT Serie. Wenn Sebastian Schwarz im “Stromberg”-Stil immer weiter ins Chaos driftet, dann strapaziert das (nicht nur als zweifacher Familienvater) meine Lachmuskeln. Lavinia Wilson spielt toll, Nadja Becker ist großartig wie immer. Und Serkan Kaya als Smoothies liebender Familienvater Björn ist eh die Bombe. Der Rest ist weniger spannend. Trotzdem: Selten wurde überhaupt mal so ein Bild von überambitionierten Eltern gezeichnet, die am Alltag scheitern, und doch immer nur das Beste wollen. Nicht so wie die “anderen Eltern”.

Fazit: Wer keine Kinder hat, der wird wohl schnell genervt sein. Wer die in der Serie beschriebenen Situationen und Menschen aber aus dem Alltag kennt, der kann sich dem Schmunzeln nicht verwehren. Vielleicht muss ja der ein oder andere am Ende auch über sich selbst lachen. Wer weiß?

Susanne streamt: "Die Brücke" auf Amazon Prime

Die Brücke - Szenenfoto
©ZDF

Dass die Skandinavier das Krimigenre beherrschen wie kaum jemand anders, beweisen sie seit Jahren mit zuverlässiger Regelmäßigkeit. Für mich die eindeutige Königin unter den Scandi-Noir-Serien: “Die Brücke” (mit dem so dämlichen wie unnötigen deutschen Untertitel “Transit in den Tod”). Mitten auf der Öresundbrücke, die Kopenhagen mit Malmö verbindet, genau auf der Grenzlinie zwischen Dänemark und Schweden, wird eine Frauenleiche gefunden. Da beide Länder betroffen sind, müssen die schwedische Kommissarin Saga Norén und ihr dänischer Kollege Martin Rohde gemeinsam in dem Fall ermitteln.

Ein Paar, das ungleicher nicht sein könnte: Saga hat das Asperger-Syndrom, eine leichtere Form des Autismus. Aufgrund dessen fehlt ihr nicht nur die Fähigkeit zu Empathie, sie kann auch weder Belanglosigkeiten austauschen, noch versteht sie ironische Bemerkungen. Im Beruf dagegen ist sie ein Ass, detailversessen und präzise. Ganz anders Martin: Der Däne ist ein kontaktfreudiger Gemütsmensch, der es privat wie beruflich nicht immer ganz so genau nimmt.

Zugegeben: Die bloße Inhaltsbeschreibung der ersten Staffel der Serie wirkt austauschbar, und ungleiche Ermittlerduos im Krimi gibt es wie Sand am Meer. Aber kaum eine Serie ist so gut und spannend geschrieben, und kein ungleiches Duo kommt an Saga und Martin heran. Denn was ihre Darsteller Sofia Helin und Kim Bodnia da schauspielerisch hinlegen, ist einfach zum Staunen und Niederknien, das muss man mit eigenen Augen gesehen haben.

Fazit: Wer keine Lust auf mittelmäßigen Krimi-Einheitsbrei hat, sollte sich dringend “Die Brücke” ansehen – und zwar das schwedisch-dänische Original, nicht die amerikanischen und britisch-französischen Imitate. Denn besser geht’s nicht.

Kristin streamt: "Athletin A" auf Netflix

Maggie Nichols
©Netflix

Wie hoch darf der Preis für Erfolg sein? Wieviel darf einem Verband die internationale Dominanz in einer der anspruchsvollsten und härtesten Sportarten der Welt wert sein?

32 X Bronze, 38 X Silber und 34 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Das ist die eindrucksvolle Bilanz der Turnerinnen des US-Kaders während der Amtszeit von Teamarzt Larry Nassar. Der Preis dafür: 265 Athletinnen gaben bisher an, von Nassar sexuell belästigt und missbraucht worden zu sein. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich doppelt so hoch. Der Film von Bonni Cohen und Jon Shenk rollt den bespiellosen Missbrauch-Skandal auf – angefangen bei der Turnerin, die den Mut hatte, sich schließlich an die Presse zu wenden: Maggie Nichols.

Verbandsfunktionäre hatten versucht die Anschuldigungen intern “zu regeln” und zu vertuschen – selbst noch als sich die Olympiasiegerinnen Alexandra Raisman, Simone Biles und McKayla Muroney als Opfer von Nassar zu erkennen gaben. “Athlete A” beleuchtet ein erschreckendes System, in dem Entscheidungsträger wie Steve Penny, der damalige Präsident des US-Turnverbandes, mutwillig Hinweise und Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch ignorierten oder unterdrückten und den Erfolg über den Schutz der jungen Sportlerinnen stellten. Ein System in dem den Verantwortlichen Medaillen wichtiger waren, als die körperliche und seelische Unversehrtheit eben jener jungen Frauen, auf deren Leistungen dieser Erfolg aufgebaut war.

Fazit: Eindringlich, erschreckend und herzzerreißend: Dieser Film geht an die Nieren,  macht fassungslos, unglaublich wütend und ist genau deshalb so wichtig.

 

Martina streamt: "Wetten, das war’s..?" bei Netflix

Martina streamt: Wetten, das war’s..? Key Art
©Netflix

Seit den 60ern ist Frank Elstner im Showgeschäft, das deutsche Fernsehen hat der “Wetten, dass ..?”-Erfinder geprägt wie kein Zweiter. Der Talk “Wetten, das war’s ..?” ist seine Abschiedsvorstellung. 2019 war das Format bereits bei Youtube zu sehen, fünf neue Folgen gibt es nun bei Netflix. Elstner spricht – unter vier Augen – mit Showgrößen einer neuen Generation: Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt, Lena Meyer-Landrut, Charlotte Roche, Daniel Brühl. Sie sitzen im Halbdunkel an einer gedeckten Tafel – wie die letzten Gäste einer Party, die so ins Gespräch vertieft sind, dass sie gar nicht merken, dass sich der Rest der Gesellschaft längst ins Bett begeben hat.

Das alles wirkt sehr intim, und Elstners Gesprächspartner geben bisweilen Intimes preis. Was jedoch nicht in jedem Fall dem Gastgeber zu verdanken ist. Denn manche von Elstners Fragen stammen offenbar aus dem Standardkatalog für den kleinen Interviewer (“Was ist dir peinlich?”, “Was ist dein Antrieb?”). Ist sein Gegenüber wenig bereit, sich zu öffnen, dann gibt es – wie im Gespräch mit Klaas – vor allem vermeintlich originelle Pointen zu hören. Klaas will also künftig nur noch Werbung für Hochpreisiges machen, weil er sich selbst eher so im Luxussektor sieht. Aha. Haha. Es werden auch reichlich Belanglosigkeiten und Nettigkeiten ausgetauscht.

Doch genau damit kreiert der TV-Altmeister eine Wohlfühlatmosphäre, die auch der Zuschauer spürt. Elstners ganze Stärke zeigt sich schließlich, wenn sein Gast emotional wird. Ob er nun der weinenden Lena – ganz Kavalier alter Schule – sein Taschentuch gibt oder dem mit den Tränen kämpfenden Joko Zeit verschafft, um sich zu sammeln: In solchen Momenten ist “Wetten, das war’s..?” große Talkkunst.

Fazit: Charmant-nostalgische Abschiedsvorstellung eines Talk-Kavaliers

Anh streamt: "The Floor is Lava" bei Netflix

©Netflix

The Floor is Lava … oder im Deutschen “Der Boden ist Lava”. Besser wäre allerdings gewesen “This Bullshit is Lame”. Warum erwarte ich auf Netflix ein interessantes hintergründiges Reality-Format? Vielleicht weil Netflix anders ist und eine Alternative zum langweiligen TV-Programm bietet. Formate wie “House of Cards” und “Stranger Things” oder auch “Ru Pauls Drag Race” versprechen Abwechslung jenseits des Durchschnittlichen.

“The Floor is Lava” lässt jeweils ein Team ein Parcours aus scheinbar unüberwindbaren Hindernissen absolvieren – unter ihnen blubberndes “Lava”. Leider gar nicht abwechslungsreich und außergewöhnlich, sondern vielmehr uninspiriert und langweilig. Die Kulisse ist eine reine Enttäuschung und so künstlich wie Donatella Versaces Gesicht. Warum nicht Wohnungseinrichtung nehmen, die ein zumindest ein bisschen authentisch ist? Was bei Ninja Warriors noch zum mitfiebern verleitet hat, waren die Protagonisten, die eine gewisse Grundfitness an den Tag legen konnten, bei “The Bullshit ist Lame” tritt Karen von nebenan an und verhilft zu viel Fremdschäm-Horror. Leider nicht lustig.

Das Format hat auch zu wenig Spielelemente: ich bin keine acht Jahre mehr, das Ziel zu erreichen reicht mir nicht. Schwierigere Wege bringen mehr Punkte, oder besonders einfallsreiche Methoden werden belohnt. Ein bisschen Erzählung kann auch nicht schaden, warum steht das Haus unter Lava und wieso liegt ein Alien im Sarkophag? Wo bleibt die lustige Erzählerstimme?

Fazit: Takeshis Castle hat in den 90ern bereits alles richtig gemacht, schau ich lieber das.

Björn streamt: "Berlin Alexanderplatz" (restaurierte Fassung) in der Arte-Mediathek (bis 7.8. 2020)

Barbara Sukowa und Gottfried John in Berlin Alexanderplatz
©WDR/Arte

Am 16. Juli kommt die moderne Neuverfilmung von Alfred Döblins Jahrhundertroman “Berlin Alexanderplatz” ins Kino. Bereits 1980 hat Regiepapst Rainer Werner Fassbinder den Großstadtroman fürs TV umgesetzt – in 14 Teilen mit mehr als 900 Minuten Spielzeit! Die Produktion verschlang 13 Millionen Mark und war bis dato die teuerste deutsche Serie. Zum Vergleich: Die ersten beiden Staffel “Babylon Berlin” wurden mit etwa 40 Millionen Euro Produktionskosten geplant.

Von der TV-Kritik wurde “Berlin Alexander Platz” als zu “dunkel”, “schmutzig” und “moralisch verwerflich” kritisiert, bei den Zuschauern erregte die Serie – angeheizt durch die “Bild”-Zeitung – Proteste. Trotzdem steht sie heutigen Produktionen, was die Komplexität der Figuren und Handlungsbögen angeht, in nichts nach. Fassbinder bewegt sich recht nah an Döblins Romanvorlage, gibt dem Geschehen aber trotzdem eine eigene Struktur. Und natürlich verlangt er dem Zuschauer einiges ab: die Bildgestaltung ist tatsächlich sehr dunkel geraten und die Überfülle an Personen, Milieus und motivischen Verkettungen sorgt manchmal für Irritationen.

Und deprimierend ist Ganze schon auch. Etwa wenn man Franz Biberkopf fast eine komplette Folge lang nur in einer Dachkammer beim Biertrinken zuschaut. Doch Günter Lamprecht spielt den Antihelden mit einer derartigen Intensität, dass man sich dem Sog des Stoffs nur schwer entziehen kann.

Fazit: Ein Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte und erzählerisch ein absoluter Leckerbissen, der auch 40 Jahre später noch fesselt!

| rtv Redaktion | 3. Juli 2020