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Das streamt die Redaktion (Vol. 4) an Silvester

Das streamt die Redaktion (Vol. 4) an Silvester

In der vierten Ausgabe unserer Reihe “Das streamt die Redaktion” geht es um die besten Empfehlungen für den Jahreswechsel. Unsere Redakteure verraten, was sie rund um den 31. Dezember streamen: von waschechten Kultserien wie Twin Peaks bis hin zu David Finchers oscarverdächtiger Ode an das goldene Zeitalter Hollywoods.

Martina streamt: "Cobra Kai" und "Hilda" auf Netflix

"Cobra Kai"
©Netflix

In den 80ern lösten Filmhelden ihre Probleme mit zünftigen Kloppereien. Einzige Regel: fair bleiben! Ein Credo, dem Johnny Lawrence (William Zabka) nicht immer nachkam. Deshalb war der blonde Jüngling im Film “Karate Kid” auch der Böse. Zur Information für alle, die zu jung sind, um den Kulthit von 1984 gesehen zu haben: In dem Teeniestreifen ging es um den Außenseiter Daniel LaRusso (Ralph Macchio), der sich dank eines weisen Lehrmeisters und einer sehr poppigen Form von Karate gegen eine Bande fieser Mobber durchsetzte.

“Cobra Kai” spinnt die Geschichte der “Karate Kid”-Antagonisten weiter. Diesmal – und das ist der Clou – erzählt durch die Augen von Johnny. Der ist 34 Jahre nach seiner Niederlage gegen Daniel ein noch größerer Loser als damals. Ein Proll, Ewig-Gestriger und Rassist. Einer, der Trump wählen würde. Doch dann zieht sich Johnny an den eigenen, immer noch blonden Haaren aus dem Sumpf, indem er eine Karateschule für eine höchst diverse Gruppe benachteiligter Kids eröffnet.

William Zabka spielt die Rolle seines Lebens mit viel Selbstironie und Gespür für tragische Töne. So wie die ganze Serie geschickt zwischen Nostalgie und Modernität balanciert. Selten wurden die Helden unserer Jugend so überzeugend wiederbelebt! Als lockeres Aufwärmtraining für Staffel 3, die an Neujahr startet, gibt’s an Silvester noch einmal die ersten 20 Folgen – und den Original-Film als Zugabe.

"Hilda"
©Netflix

Rund zwei Jahre mussten Fans auf neue Abenteuer von “Hilda” warten. Dafür kommt Staffel 2 aber gerade zu rechten Zeit: Erstens, weil man im neuerlichen Lockdown eine Serie gut gebrauchen kann, die Kinder und Erwachsene zu Silvester gleichermaßen bespaßt. Und zweitens, weil die Welt angesichts des um sich greifenden Egoismus eine Heldin bitter nötig hat, die auf eigene Befindlichkeiten wenig Rücksicht nimmt, wenn es darum geht, anderen zu helfen.

In den neuen Folgen muss sich Hilda, das blauhaarige Mädchen mit dem goldenen Herz, mit Erik Ahlberg, dem befehlshabenden Offizier der Trollberger Sicherheitspatrouille, herumschlagen – einem Möchtegern-Musketier, der sich gerne mit fremden Federn schmückt und sich kopflos von einer gefährlichen Situation in die nächste stürzt. Aus der ihn dann wahlweise Hilda oder seine Untergebene Gerda herausboxen müssen. Neben diesen menschlichen Neuzugängen trifft Hilda natürlich wieder auf eine Menge skurriler Fantasie-Gestalten, etwa Geisterpiraten, die ihre Familie vermissen, und Seeungeheuer.

Die wunderbar liebevoll gezeichnete Serie mit dem durchgeknallten Humor traut ihrem jungen Publikum viel zu. Etwa zu erkennen, was – oder wer – wirklich bedrohlich ist. Das sind nämlich nicht die Trolle und Geister. Sondern die, die Ängste schüren, um ihre Position zu sichern.

Kristin streamt "Reply 1988" auf Netflix

"Reply 1988"
©Netflix

Es gibt Serien, die sind so gut, so liebevoll gemacht und gleichzeitig so unterhaltsam, dass sie im Zuschauer einen ganz bestimmten Punkt treffen – und sich ganz tief ins Herz eingraben. Serien, die man immer wieder sehen kann, weil es sich anfühlt wie ein Wiedersehen mit lang vermissten Freunden. Wie nach Hause kommen.

Für mich persönlich ist das die REPLY-Reihe. Voll bittersüßer Nostalgie und trotzdem mit einer nicht zu verhehlenden Prise Gesellschaftskritik, erzählt die südkoreanische Anthologie-Serie vom Aufwachsen einer Gruppe befreundeter Jugendlicher in bestimmten, prägnanten Schlüsseljahren. Bisher hat die gefeierte Reihe drei Staffeln rausgebracht – und mein persönlicher Liebling ist Reply 1988.

1988 war das Jahr, in dem Südkorea sich der Welt öffnete und Gastgeber der Olympischen Spiele war. Ein Meilenstein für das Land – und Teenie Deok-Sun, die sogar als Schildträgerin an der Eröffnungszeremonie mitwirken darf. Ihre vier Kumpel, mit denen sie seit ihrer Kindheit befreundet ist, beeindruckt das allerdings nicht. Die Familien des Viertels halten eng zusammen und überwinden zahlreiche Klippen – von dem nicht ganz ungefährlichen politischen Engagement von Deok-Suns gefürchteter Schwester Bo Ra über bittere Armut, gesundheitliche Tiefschläge und all die Neuerungen, die die Öffnung zum Westen mit sich bringt. Das alles ist so warmherzig, so detailverliebt, so echt und authentisch erzählt, dass man sich selbst ganz in die feste Umarmung der exzentrischen Nachbarschaft begeben möchte, von Deok-Suns herrlich unperfekten Eltern beim Abendessen angeschrien werden will und am liebsten mit ihr und ihren chaotisch-liebenswerten Freunden erwachsen geworden wäre.

Für mich ist REPLY 1988 darum auch der perfekte Rewatch zum Lockdown-Jahreswechsel. Aber es ist auch der perfekte, bittersüße Einstieg für K-Drama-Novizen und alle, die sich trauen, beim Seriengucken mal über den Tellerrand zu schauen. Belohnt wird man mit 20 oft über 1-stündigen Folgen mit Feelgood-Faktor zum Lachen und Weinen nach einem ziemlich durchwachsenen Jahr.

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Björn streamt "Das Geheimnis des Totenwaldes" auf ARD Mediathek

"Das Geheimnis des Totenwaldes"
©ARD

Wer den Jahreswechsel mal ein bisschen unkonventionell angehen möchte und sich mit einer Serienkillerserie die langen Stunden im Lockdown vertreiben will, dem sei die ARD-Miniserie “Das Geheimnis des Totenwaldes” ans Herz gelegt. Zugegeben, zwei Folgen des Sechsteilers muss man mindestens schauen, bevor der Funke überspringt. Dann aber ist der Sog der Geschichte gigantisch.

Das liegt an der enormen Zeitspanne von drei Jahrzehnten, in denen der Hamburger LKA-Chef Thomas Bethge (fabelhaft zurückhaltend gespielt von Matthias Brandt) versucht, die Leiche seiner im Sommer 1989 verschwunden Schwester Barbara zu finden und so den Hauptverdächtigen (wie immer teuflisch gut als Psychopath: Hanno Koffler) der Tat zu überführen. Da sich das Verbrechen in Niedersachsen zugetragen hat, darf Bethge nicht selbst ermitteln, sondern muss sich auf die Kollegen vor Ort verlassen …

Neben der Aufklärung des Falls legt Regisseur Sven Bohse (“Ku’damm”) den Fokus dabei vor allem auf die Auswirkungen für Bethges Familie. Kaum vorstellbar, was es heißt, 30 Jahre lang keine Gewissheit darüber zu haben, was mit der eigenen Schwester passiert ist, und dabei zusehen zu müssen, wie schwerwiegende Ermittlungsfehler die Aufklärung verhindern. Vorlage für die Serie waren die Göhrde-Morde von 1989 im niedersächsischen Staatsforst Göhrde sowie die privaten Ermittlungen des Hamburger LKA-Chefs Wolfgang Sielaff zum Verschwinden seiner Schwester.

Zu Silvester sicher nicht jedermanns Sache. Für mich war die Miniserie trotzdem eines der Highlights des letzten TV-Jahres: hoch emotional und bisweilen verstörend, aber auch extrem fesselnd.

Sebatian H. streamt "Mank" auf Netflix

Szene aus "Mank"
©Netflix

Hollywood mag Filme über Hollywood – von “Ein Stern geht auf” über “Sunset Boulevard” und “Stadt der Illusionen” bis hin zu “Hail, Caesar!” Nun hat auch Netflix einen Beitrag zu diesem Subgenre geleistet: In “Mank” geht es um den Drehbuchautoren Herman J. Mankiewicz (Gary Oldman) und seine Arbeit an dem Film “Citizen Kane” (1941), der auch heute noch als ein Höhepunkt der Filmgeschichte gilt.

In der Rahmenhandlung von “Mank” hat sich der vom Alkohol gezeichnete Titelheld nach einem Unfall gemeinsam mit einer Pflegerin und einer Sekretärin in die kalifornische Wüste zurückgezogen, um in Ruhe an dem Drehbuch für Orson Welles (Tom Burke) zu arbeiten. In Rückblenden werden Manks Erlebnisse in Hollywood gezeigt, so etwa seine fragile Freundschaft mit dem einflussreichen William Randolph Hearst (Charles Dance) und dessen Geliebter Marion Davies (Amanda Seyfried).

Regisseur David Fincher hat mit “Mank” ein Drehbuch seines verstorbenen Vaters verfilmt und setzt in kunstvoll auf alt getrimmten Bildern der Gilde der Hollywood-Autoren generell ein Denkmal. Es wird viel geredet, und viele Namen sagen wohl nur Fans dieser Hollywood-Ära etwas. Doch das flotte Tempo sowie die hervorragende Besetzung machen “Mank” zu einem filmischen Erlebnis, das jeder genießen kann – besonders zum Jahreswechsel.

Sebastian Z. streamt "Twin Peaks" auf Sky Go (oder Bluray)

Szene aus "Twin Peaks"
©Showtime

Ganz ehrlich. Ich binge an Silvester vermutlich nichts. Ich hole eher ausgewählte TV-Highlights nach, die ich zuletzt verpasst habe. Aber falls mich doch die Lust überkommt, dann gibt es nur eine Wahl: Twin Peaks.

Die ersten zwei Staffeln waren immer wiederkehrender Teil meiner Jugend. Ich liebe David Lynchs Welt, die er mit “Twin Peaks” erschaffen hat. Vom smarten FBI-Agenten Dale Cooper über die kokette Audrey, die skurrile Log Lady, die cheesy Soap-Anleihen, das Teenie-Drama und die düstere, morbide Geschichte bis zum serieneröffnenden Mord an Laura Palmer. Die Douglas-Tannen, der Kaffee, Bob, die schwarze Hütte. You name it.

Selbst die offensichtlichen Schwächen an “Twin Peaks” liebe ich. Sie machen die Serie erst zu dem, was sie ist. Ein Stück Fernsehgeschichte. Ein Stück Zeitgeschichte. Für damalige Zeiten unfassbar weit draußen. Und für mich persönlich die Serie, die ich schon mehrfach komplett am Stück gesehen habe. Nur dass man es damals noch nicht Binge-Watching nannte.

Die dritte Staffel erzählt die Geschichte 25 Jahre nach dem Mord an Laura Palmer weiter. Und sie ist genauso schräg wie damals. Nur völlig anders. Vielleicht sogar noch schräger, wenn man es genau nimmt. Der Effekt, den David Lynch damit erzielt, der ist auf jeden ähnlich wie damals. Er stößt vor allem den Fans ganz schön vor den Kopf.

Viele Stars waren bei der Neuauflage wieder dabei. Und trotzdem gibt es keinen naheliegenden Fan-Service. Generell unternimmt Lynch fast alles, um die Erwartungshaltung der Zuschauer zu unterlaufen. Das kann bei der Erstsichtung selbst bei aufgeschlossenen Zusehern für Frustration sorgen. Aber auch hier bin ich ehrlich: Das Ende der neuen Folgen “Twin Peaks” ist der beste Abschluss, den dieses Universum bekommen konnte. Das ist so verstörend gut. Man will unweigerlich noch mehr davon. Hoffentlich liefert Lynch nicht. Denn: Wie könnte es nur annähernd wieder so gut werden? Aber das dachte ich auch schon damals, nach dem Ende der 2. Staffel … Denn: “Die Eulen sind nicht, was sie scheinen”.

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| Kristin Lenk | 29. Dezember 2020