rtv sieht fern » Kommentar: Bye, bye “Lindenstraße”
rtv sieht fern » Kommentar: Bye, bye “Lindenstraße”

Kommentar: Bye, bye “Lindenstraße”

Kommentar: Bye, bye “Lindenstraße”

Alle Proteste und Petitionen haben nichts genützt: Ende März (Sonntag, 29.3., 18:50 Uhr, Das Erste) flimmert die letzte Folge Lindenstraße über den Bildschirm. Anlass für einen persönlichen Nachruf, findet unser Autor Andreas Herden.

Liebe "Lindenstraße", ...

… nach 35 Jahren sperrst du zu. Aus. Vorbei. Ich weiß auch nicht genau, wieso mich das noch so bewegt. Ich bin lang nicht mehr bei dir gewesen. Unsere besten Zeiten, geben wir es doch zu, sind vorbei. 

Als ich noch bei Beimers zu Hause war, mich Else Kling aus dem Treppenhaus gekehrt hat, wie den Dreck der Straße. Der Lindenstraße.35 Jahre meines Lebens hast du mich mehr oder weniger begleitet. Eigentlich klar, dass ich bewegt bin. Obwohl ich, wie gesagt, dich etwas aus den Augen verloren hatte. Aber da bin ich ja nicht der Einzige. Schade eigentlich. 

Du warst das etwas andere Stück Fernsehen. So normal, so authentisch. So waren deine Geschichten. Von Familien, die irgendwann keine mehr sein wollten: Beimer, Schiller, Zenker, wie sie alle hießen. Geschichten von Männern, die Männer lieben, Frauen, die Frauen lieben. 

Wo sich andere TV-Produktionen gewunden und gedrückt haben, warst du einfach und echt. Deine Geschichten waren nicht immer schön, weil das Leben es auch nicht ist. Die Protagonisten waren nicht immer vorzeigbar, weil im Leben wirklich Ekelpakete herumlaufen. Wer möchte schon einen Onkel Franz haben? Du hast die fiesen Themen auf den Tisch geknallt.

Die Ganze Realität

Sonntagabend, kurz vor sieben, war Realität angesagt. Rechtsradikalismus, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Depression, Suizid. Ach, manchmal brauchte ich danach schmusiges Herzkino, um mir den Frust des Alltags wieder aus der Seele zu sehen. Die Lindenstraße und das echte Leben. Das gehörte halt zusammen.

Unvergessen die Folge zur Bundestagswahl 1998. Vier Versionen mit vier Wahlausgängen wurden gedreht, die passendste gesendet, das Wahlergebnis von den Bewohnern kommentiert. Was ist jetzt noch Serie, was Realität? Klar, dass Hermes Hodolides, der in der Serie den Restaurantbetreiber Vasili Sarikakis spielt, im wahren Leben ein griechisches Restaurant hat. Nicht in München, dem Spiel-, oder Köln, dem Drehort, sondern in Euskirchen. Es heißt “Syrtaki”, nicht “Akropolis”. Immerhin. 

Ach. Lindenstraße. Dem deutschen Fernsehen geht etwas verloren. Ein Stück Wahrheit im scheinheiligen Geschäft um Fiktionen und Emotionen. Ein Stück Ehrlichkeit im verlogenen Wirrwarr dümmlicher Seriendramaturgien. Ein Stück Ernsthaftigkeit im albernen Kasperl- theater der Fernsehunterhaltung. Mach’s also gut, grüß deine Bewohner, deinen Schöpfer Hans W. Geißendörfer. Seine Serie war ein starkes Stück Fernsehen. Bis heute.

| Andreas Herden | 24. März 2020