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Oscars 2020: Reaktionen der rtv-Redaktion

Oscars 2020: Reaktionen der rtv-Redaktion

Wer wird gewinnen? Wer sollte gewinnen? Wer hat es eigentlich eher nicht verdient? Und wen hat die Oscar-Jury vollkommen zu Unrecht übersehen? Auch in der rtv-Redaktion wurde seit der Bekanntgabe der Oscarnominierungen 2020 heiß diskutiert. Hier unsere Favoriten, Aufreger und Überraschungen.

"Little Women"

Gleich sechsmal ist die Literaturverfilmung von “Little Women” für den Oscar nominiert. Darunter auch Saoirse Ronan als “Beste Hauptdarstellerin”. Ob es den Film gebraucht hätte? Mit böser Zunge gesprochen: wohl kaum. Denn die 2020er-Version, die hierzulande Ende Januar ins Kino kommt ist bereits die vierte Adaption des gleichnamigen Romans der US-amerikanischen Schriftstellerin Louisa May Alcott. Im Kino war der Klassiker 1994 großartig mit Winona Ryder und Gillian Armstrong zu sehen.

Szene aus "Little Women"
©Sony Pictures

Was trotzdem für die Neuauflage spricht: die starke Besetzung. Emma Watson, Saoirse Ronan, Florence Pugh und Eliza Scanlen agieren als das Geschwisterquartett Meg, Jo, Beth und Amy. Dazu kommen Stars wie Meryl Streep und Timothée Chalamet. Kann man machen, muss man aber nicht. Der Goldjunge geht hoffentlich an andere.Katharina Montada

"Parasite"

Szene aus "Parasite"
©Koch Media

Wenn ein Film dieses Jahr den Oscar für den besten Film verdient hat, dann ist es ganz klar “Parasite”. Seit die bitterböse Tragikomödie des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho letztes Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte und gleich die Goldene Palme einheimste, ist der Siegeszug des Films nicht mehr zu stoppen. 

Bei den Oscars ist “Parasite” sechsmal nominiert u. a. als Bester Film UND bester internationaler Film, sowie für Regie und Drehbuch. Völlig verdient.Bereits mit dem kritisch gefeierten Sci-Fi-Hit “Snowpiercer” bewies Bong, dass er sich auf ebenso hintersinnig-bissige wie schonungslose Gesellschaftskritik versteht. 

Mit der Geschichte der verarmten Familie Kim, die sich mit Betrügereien und Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen und sich durch allerlei Betrug und Lügen nach und nach bei den reichen Arbeitgebern ihres Sohnes einschleichen, zeichnet der Südkoreaner ein hypnotisches Sittenbild – mit unerwartet düsteren Wendungen. Ich drücke fest die Daumen, dass die listigen Kims Marty Scorsese, Quentin Tarantino, dem Joker & Co. die Preise wegschnappen. – Kristin Lenk

Joaquin Phoenix

Für mich ist ganz klar: Joaquin Phoenix bekommt den Oscar für die beste Hauptrolle. Keine Diskussion, ohne dieses Allround-Genie wäre der “Joker” einfach nur ein visuell-ästhetischer Film mit schwacher Antihelden-Story, den Scorsese bestimmt besser hinbekommen hätte.

Joaquin Phoenix als "Joker"
©Warner Bros. Entertainment

 Falls die Oscar-Jury dennoch mal wieder total gegenteiliger Meinung ist, dann sollte Adam Driver für seine feinfühlige Darstellung des Ehemanns in “Marriage Story” seinen ersten Oscar bekommen. Da ich jedes Jahr mit meinen Einschätzungen daneben liege, hoffe ich, ich habe die beiden jetzt nicht gejinxt. – Anh Phi 

"Der Leuchtturm"

Szene aus "Leuchtturm"
©Universal Pictures International Germany GmbH

Nach seinem Überraschungshit “The Witch” war die zweite Regiearbeit von Robert Eggers mit Spannung erwartet worden. Doch “Der Leuchtturm” erwies sich als weniger massentauglich und offenbar auch als wenig Academy-kompatibel. Der herausragend inszenierte und anspielungsreiche Film über zwei Leuchtturmwärter und ihren Kampf gegen sich selbst, einander und die Elemente erhielt zwar immerhin eine wohlverdiente Oscar-Nominierung für die hypnotische Kameraarbeit von Jarin Blaschke.

Doch auch Nominierungen für die beste Regie und für mindestens einen der beiden Hauptdarsteller wären mehr als gerechtfertigt gewesen: Willem Dafoe ist schlicht grandios, und Robert Pattinson steht ihm nur wenig nach. – Sebastian Hagner

"Once Upon a Time in Hollywood"

Klar: Man kann prima philosophieren über dieses Werk, über das Verhältnis von Gewalt auf der Leinwand zu der im echten Leben etwa, oder über die Risse in der US-Gesellschaft, die sich auch durch Kinobilder nicht mehr zukleistern lassen. Doch so recht passt dieses Philosophieren nicht zum Filmerlebnis, zu der gediegenen Langeweile, die sich beim Betrachten einstellte. Und vor allem nicht zum Unbehagen angesichts der Gewaltorgie am Ende, wenn – kann man es anders deuten? – ein nostalgisch verklärtes Märchen-Hollywood mit der Hippiekultur abrechnet, wenn auch zugegebenermaßen mit deren hässlichstem Auswuchs, der Manson-Familie.

Szene aus "Once Upon a Time in Hollywood"
©Sony Pictures

Am meisten Unbehagen empfand ich aber angesichts des Genusses, mit dem andere Kinogänger offenbar dieses Gemetzel goutierten. Wenn Tarantino das alles subversiv gemeint hat, lief zumindest bei meinem Kinobesuch diese Subversion ins Leere. Es blieb am Ende der gefeierte Sieg der Coolness über das Außenseitertum, die Sicherheit, dass der mies bezahlte 

Stuntman-Proletarier doch gut daran getan hat, sich von den irren Drop-Outs fernzuhalten und seinen reichen Brötchengeber mit aller Gewalt zu retten. Vielleicht sind ein paar Oscars auch der gerechte Preis für diese Botschaft.Oliver Kinser

"Two Popes"

"The Two Popes"
©Netflix

Den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch hat definitiv “The Two Popes” von Anthony McCarten verdient. Er adaptierte dafür sein eigenes Buch “Die zwei Päpste: Franziskus und Benedikt und die Entscheidung, die alles veränderte”. McCarten füllt anhand der historischen Eckpunkte die Geschichte vom Rücktritt Papst Benedikts XVI. und der Wahl 

Jorge Bergoglio zu seinem Nachfolger, Papst Franziskus, mit Leben. Dabei orientiert er sich an den Standpunkten der echten Vorlagen für seine Rollen und versucht, nahe an den Tatsachen zu bleiben. Das Drehbuch besteht fast ausschließlich aus dem Dialog zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern. Jonathan Pryce und Anthony Hopkins liefern beide eine hervorragende Leistung ab – Pryce überzeugt etwas mehr als Hopkins. Beide sind ebenfalls für den Oscar nominiert: Pryce als bester Hauptdarsteller, Hopkins als bester Nebendarsteller. Aber vor allem McCarten schaffte es durch humoristische Elemente, den zweistündigen Film kurzweilig und interessant zu halten. – Sabine Storch

"Klaus"

Szene aus "Klaus"
©Netflix

Vielleicht die einzige überraschende Nominierung in diesem Jahr: Nicht “Die Eiskönigin 2” geht ins Rennen um den Animations-Oscar – sondern der sympathische, total Merchandising-freie Netflix-Streifen “Klaus”. Sergio Pablos, einst Zeichner bei Disney, schuf die Origin-Story zum Weihnachtsmann.

Der heißt – man ahnt es schon – Klaus und wohnt in einem Wald bei Zwietrachting. Das Kaff am Polarkreis ist der “Ort der feinsten Fehden der Welt”. Doch mit der Hilfe des strafversetzten Postboten Jesper verbreitet Klaus in dem Dorf bald den Geist der Weihnacht.

Mit unglaublichem Einfallsreichtum erzählt der handgezeichnete (!) Film, wie Santa zu seinem fliegenden Schlitten und den hilfreichen Elfen kam und warum unartige Kinder nur Kohlestücke in ihren Socken finden. Das ist frisch, originell, unkitschig und trotzdem herzerweichend rührend. Und hat definitiv das Zeug zum Klassiker. Vor allem ist der Film im Gegensatz zu den jüngsten Disney/Pixar-Produktionen wunderbar unpompös. Den Oscar wird “Klaus” wohl trotzdem nicht erhalten – wenn doch, wäre das ein vorgezogenes Weihnachtswunder. Martina Borgschulze

"The Irishman"

Martin Scorseses “The Irishman” dauert geschlagene 208 Minuten (ungefähr dreieinhalb Stunden). Das muss man erstmal durchstehen. Aber das Mammutwerk über den irischstämmigen Killer Frank Sheeran (Robert De Niro), dessen Verbindungen zur Ostküstenmafia (Joe Pesci als Rosario “Russell” Alberto Bufalino) und seine tragische Freundschaft zu dem Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (Al Pacino) lässt die aufgeblasene Spielzeit wie im Flug vergehen.

Das liegt selbstredend an den genialen Leistungen von De Niro, Pacino und Co., aber vor allem auch an der Art, wie Scorsese erzählt: verschachtelt, mäandernd und mit einem ungeheuer reichhaltigem Blick auf seine Figuren. Im Vergleich mit seinen bisherigen Meilensteinen setzt  Scorsese da sogar noch einen drauf.

De Niro (l.), Pesci (M.) und Scorsese am Set von "The Irishman"
©Netflix

Zehnmal ist “The Irishman” nominiert: U. a. als bester Film, Pesci und Pacino für die beste Nebenrolle, Scorsese für die beste Regie. Soll er alle bekommen, sind mehr als verdient. Nur Robert De Niro hat die Academy irgendwie übersehen: Der am Ende sogar ein wenig reuige Killer Frank ist für mich definitiv De Niros beste Performance der letzten Jahre. – Björn Sommersacher

Was Sie sonst noch zu den Oscars wissen müssen ...

| rtv Redaktion | 17. Januar 2020