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“Unsere wunderbaren Jahre” im Ersten

“Unsere wunderbaren Jahre” im Ersten

Als die D-Mark das Licht der Welt erblickte: Der Dreiteiler “Unsere wunderbaren Jahre” (ab Mittwoch 18.3., 20:15 Uhr, Das Erste) mit Anna Maria Mühe, Elisa Schlott, Hans-Joachim Wagner und Katja Riemann überzeugt als Gesellschaftsporträt ohne Weichzeichner. 

Ein Hauch von zuckrigem Nachkriegsidyll liegt in der Luft beim Einstieg in diesen Dreiteiler. Schöne Menschen am Badesee, auf der Suche nach der Liebe. Wir ahnen, wie es weitergehen könnte: erstes Auto, Italienurlaub, Familienglück.

Doch so simpel wird es nicht. Denn die braune Vergangenheit ist noch längst nicht vergangen für die Protagonisten – die Schwestern Ulla (Elisa Schlott, mit David Schütter), Margot und Gundel Wolf (Anna Maria Mühe, Vanessa Loibl). Die Firma ihrer Eltern (Thomas Sarbacher, Katja Riemann), ein metallverarbeitender Betrieb, steht vor dem Konkurs, es mangelt an allem. 

Da bietet sich die überraschende Chance, die ersten D-Mark-Münzen zu prägen. Doch dafür müsste man einen Pakt mit dem Teufel schließen – hier in Gestalt des schmierigen Fabrikanten Böcker (Hans-Jochen Wagner), der in der NS-Zeit durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern reich wurde. 

Um diesen zentralen Konflikt winden sich noch viele weitere, denn die Töchter haben höchst gegensätzliche Auffassungen, was ihre private und berufliche Zukunft betrifft. An ihren Lebensläufen erzählt der Film von den Gründungsjahren der Bundesrepublik, von Chancen, aber auch von großen Enttäuschungen.

Die Wiege der Währung

 Die Geschichte spielt in der kleinen Stadt Altena im Sauerland, wo tatsächlich die Rohlinge der D-Mark produziert wurden. Es ist die Heimat von Peter Prange, der den Bestseller “Unsere wunderbaren Jahre” schrieb und einige Romanfiguren den Mitgliedern seiner Familie nachbildete.

Er wollte erzählen, “wie aus den Trümmern des größten Schurkenstaates aller Zeiten ein ganz anderes, besseres Land entstand”. Doch er betont auch: “Mein Roman hat noch den Untertitel ,Ein deutsches Märchen‘. Darin klingt an, dass die Zeit des Wirtschaftswunders eine braune, oft sogar dunkelbraune Grundierung hatte, die immer wieder durch die pastellfarbene Oberfläche brach”.

Hans-Jochen Wagner als Walter Böcker in "Unsere wunderbaren Jahre"
©WDR/UFA Fiction/Willi Webe

Die eigentlichen Gefühle

 Regie bei dem Dreiteiler führte Elmar Fischer, bisher eher bekannt als Fachmann für Krimis. Das Genre Historienfilm weiß er aber auch zu schätzen: “Die Welt damals war definitiv übersichtlicher als heute. Das hat uns – Schauspieler, Szenenbild, Kostüm, Kamera eingeschlossen – sehr geholfen. Es bietet die wunderbare Möglichkeit, sich auf die eigentlichen Gefühle und substanziellen Probleme der Figuren zu konzentrieren.” Die Schauspieler nutzen diese Möglichkeit über weite Strecken gut aus, neben den Jungstars haben besonders Katja Riemann und Thomas Sarbacher als Unternehmerpaar am Abgrund starke Szenen.

Beeindruckend ist auch Hans-Jochen Wagner (Foto, oben) als Nazi-Kollaborateur Böcker, der sich unter neuen Vorzeichen schnell zurechtfindet. Wagner: “Zur Vorbereitung habe ich mich eingelesen in den Bereich ,Hitlers Eliten nach 1945‘. Die Figur des Herrn Böcker ist sicher ein Paradebeispiel dafür, wie jemand, der beim Zusammenbruch des ,Dritten Reiches‘ alles verloren hat, mithilfe alter Seilschaften recht schnell wieder an alte Erfolge anknüpfen konnte.” Bleibt noch zu hoffen, dass der Film auch über 270 Minuten sein Publikum findet, denn unterwegs – so viel Ehrlichkeit muss sein – droht er auch mal seinen Fokus zu verlieren.

Die Sendetermine des Dreiteilers “Unsere wunderbaren Jahre” im Ersten

  • Teil 1: Mittwoch, 18.3.2020 um 20:15
  • Teil 2: Samstag, 21.3.2020 um 20:15
  • Teil 3: Mittwoch, 25.3.2020 um 20:15
| Oliver Kinser | 12. März 2020