Ein Interview mit Wotan Wilke Möhring

Wotan Wilke Möhring gehört zu den vielseitigsten Schauspielern unseres Landes. Das beweist er auch eindrucksvoll in dem Drama "Der letzte schöne Tag". Ein Gespräch …

Herr Möhring, welches Bild haben Sie von Ihrer Figur Lars Langhoff?

Wotan Wilke Möhring:
Es gibt bei ihm verschiedene ebenen – der Trauer, der Anklage, der Wut, des völligen Unverständnisses, der Frage nach dem Warum. Lars muss lernen, erst einmal innezuhalten. Es ist zwar schön und gut und mit Sicherheit auch richtig, dass das Leben weitergeht. es geht aber nur weiter, wenn wir einmal kurz anhalten und den Ballast, den wir mit uns herumschleppen, auf irgendeine Art verarbeiten. Und das probiert er dann ja auch mit seinen Kindern. Nur so geht es gesund weiter. Man kann natürlich auch einfach schweigen. Keiner spricht über den Tod, und alle werden zu seelischen Krüppeln.
 
Die geliebte Ehefrau nimmt sich das Leben, auf einmal steht der Vater mit zwei Kindern alleine da – wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?

Wotan Wilke Möhring:Es gibt Rollen, und das ist so eine, auf die man sich nicht so richtig vorbereiten kann. Da gibt es ja nichts, was so aussehen muss, als habe man es sein Leben lang gemacht. Wir begegnen ja mit Lars diesem Schmerz, und dieser Schmerz ist komplett neu für ihn. Deswegen konnte und durfte man sich nicht auf diese Rolle vorbereiten, weil der Schmerz einen treffen sollte wie eine Bombe.
 
Sicher waren es emotional sehr fordernde Dreharbeiten.

Wotan Wilke Möhring: Ja, das war schon ziemlich aufwühlend. Die Geburt meines Sohnes hat mich zwar abgelenkt. Aber gleichzeitig wird man durch solch ein Ereignis natürlich noch durchlässiger für Emotionen aller Art. Ja, das war schon eine anstrengende Reise. Zum Glück wurde sie von Johannes Fabrick geführt. Bei einem anderen Regisseur hätte ich mich wahrscheinlich nicht so fallenlassen können. Und das war für diese Rolle sehr wichtig.
 
"Der letzte schöne Tag" ist Ihre dritte Zusammenarbeit mit Johannes Fabrick. Wie schafft er es, dass Sie sich fallenlassen können?

Wotan Wilke Möhring: Er ist ein großer Psychologe. und wenn man bei jemandem zum dritten Mal seine Seelenkarten auf den Tisch legt, dann hat das schon etwas von Freundschaft. Es geht nur unter der Voraussetzung, dass man weiß, der andere fängt mit dem, was man preisgibt, schon etwas Gutes an und treibt damit kein Schindluder.
 
Sie haben vorhin gesagt: Ich kenne den Schmerz. Bei Sybille Langhoff ist es nun so, dass sie sich selbst das Leben nimmt ...

Wotan Wilke Möhring: Das ist auch das schwierigste daran gewesen. Es wird ja in manchen Begegnungen mit den Kindern verbalisiert, dass sie nicht nur tot ist, sondern eben auch tot sein wollte. das ist ein gravierender Unterschied.
 
Wo Sie gerade von den Kindern sprechen: Wie war der Dreh mit ihnen?

Wotan Wilke Möhring: Ganz toll. Man hat vor allem auch den Altersunterschied gesehen. Es war ganz klar, dass man Nick anders führen musste als Matilda. Nick ist unbefangener an seine Rolle herangegangen, oft sogar scherzend. Bei Matilda hingegen ist die Beziehung zum Schmerz schon hergestellt, der erste Verlust, der erste Liebeskummer, also all die Dinge, die dem Kleinen zum Glück noch erspart geblieben sind im echten Leben. Für Matilda war das, glaube ich, deshalb deutlich anstrengender. sie hat auch emotionalere Szenen, zumal sie auf zwei Ebenen spielen muss – da ist einmal ihre Wut und dann eben auch noch der plötzlich durchbrechende Schmerz. Das muss man erst mal zulassen. Von beiden war es eine tolle Arbeit.
 
Der emotionale Ausbruch Ihrer Figur findet bei der Beerdigung Sybilles statt – Lars bricht regelrecht zusammen. Ist es eine Gratwanderung, hier die Emotionen richtig zu dosieren?

Wotan Wilke Möhring: Es ist tatsächlich ein völliger Zusammenbruch. Ich denke in solchen Situationen nicht mehr darüber nach, wo die Kamera steht, wie es aussehen könnte, ob es vielleicht over the top ist – das ist mir in diesem Moment alles egal. Da bahnt sich dieser aufgestaute Schmerz seinen Weg. Es ist alles echt, nur ohne die Konsequenzen. Und deswegen kann ich darüber gar nicht groß reflektieren, es passiert. Ich kann dem Kameramann höchstens sagen, das wird etwa an dieser stelle passieren und vielleicht folgendermaßen aussehen – aber genau weiß ich es nicht.
 
Der Film wirkt wie eine Beobachtung des Alltags, alles wirkt ganz natürlich und nie inszeniert. Wie bekommt man so etwas derartig konsequent hin?

Wotan Wilke Möhring: Das liegt ja auch an der guten Buchvorlage und der feinen Beobachtungsgabe von Johannes Fabrick. Es ist ihm ganz wichtig, und mir übrigens auch, dass da nichts ausgestellt wird und es keine anderen Bedeutungen gibt als: so ist der Alltag. Wir wollten wahrhaftig bleiben.
 
Wussten Sie eigentlich, dass jährlich 10.000 Menschen vom Suizid eines geliebten Menschen betroffen sind?

Wotan Wilke Möhring: Das wusste ich nicht. Erschreckend. Ich habe mich dann damit beschäftigt, woher das eigentlich kommt. Warum können die Angehörigen kaum etwas dagegen machen? Wie ein Dämon packt diese Depression zu, und man ist plötzlich jemand anders.

13.1.2012, 0.00 Uhr

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