Noch’n Krimi?! - Ein Interview mit Katharina Böhm

Stefanie Moissl

Bei „Tatort“ und Co. geben seit Jahren Frauen den Ton auf dem Kommissariat an. Nun kündigt das ZDF endlich „die erste weibliche Chefermittlerin im Freitagskrimi“ an:  Katharina Böhm spielt die Leiterin einer Münchner Mordkommission. Wir haben schon mal in die ersten Folgen reingesehen (Fazit: überraschend sehenswert) und mit der Schauspielerin gesprochen (Fazit: überraschend selbstbewusst).

Frau Böhm, in der Woche, in der „Die Chefin“ erstmals auf Sendung geht, laufen 55 Krimiserien im TV …

Katharina Böhm: Ach du meine Güte! Sooo viele?! (lacht)

Brauchen wir wirklich noch ein neues Krimiformat?

Katharina Böhm: Ganz ehrlich: Die Frage stelle ich mir nicht. Ich glaube, mit Krimis ist es ähnlich wie mit Arztromanen: Die Leute können nicht genug davon bekommen, weil sie eine Ablenkung vom Alltag sind. Weil die Geschichten so fern davon sind. Und man kann relativ sicher sein, dass es gut ausgeht. Das ist im Leben oft nicht so.

Der Freitagskrimi im Zweiten ist eine Institution. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Krimihelden?

Katharina Böhm: „Der Kommissar“. Aber ich kann nicht sagen, dass er mein Held war. Ich habe als Kind zufällig mitbekommen, dass die Erwachsenen das anschauten – und mir hat das damals Angst gemacht.

Also haben Sie es sich heimlich angesehen?

Katharina Böhm: Nein, nein, nein! Heimlich ausgeschaltet! (lacht).

Und heute? 

Katharina Böhm: Die „Millennium“-Trilogie von Stieg Larsson mag ich sehr gern. Ansonsten mag ich alle Filme, die mich fesseln, an denen ich kleben bleibe und die mich berühren. Egal ob Krimi, Drama oder Komödie.

Der Krimi verändert sich

Sie sind „Die erste Frau im ZDF-Freitagskrimi“. Wie kam es dazu?

Katharina Böhm: Dass das nach 40 Jahren Emanzipation immer noch ein Thema ist, finde ich ein bisschen traurig. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich ein ausschlaggebender Punkt war. „Die Chefin“ sollte ursprünglich am Samstag um 21.45 Uhr laufen, kam aber so gut an, dass man sagte: „Wir probieren das am Freitagabend.“

Seit den Anfangszeiten des TV-Krimis hat sich das Tempo enorm erhöht – sowohl in den Geschichten selbst als auch in puncto Drehzeit. Wo führt das hin?

Katharina Böhm: Man muss sehr viel genauer vorbereitet sein. Was das Tempo der Geschichten betrifft, tendiere ich zur Langsamkeit. Ich finde, wir nehmen uns wenig Zeit, um wirklich zuzuschauen.

Noch einen Trend gibt es seit einigen Jahren bei den Krimireihen: Das alt gediente Personal wird gegen jüngere Darsteller ausgetauscht. Wie finden Sie das?

Katharina Böhm: Ich bin 47 und fange eine Krimiserie an, das ist nicht wirklich jung. Ich denke auch nicht, dass der Jugendwahn ein reines Phänomen im Fernsehbereich ist, sondern eher ein gesellschaftliches. Aber ich glaube, dass sich das langsam wieder ausgleicht. Zumindest, was das Fernsehen betrifft.

An welchem Punkt des Projekts kam man auf Sie zu?

Katharina Böhm: Sehr früh. Schon bevor es Bücher gab. Bei einem gemeinsamen Mittagessen mit den Produzenten und dem Drehbuchautor Orkun Ertener haben wir einfach Ideen auf den Tisch geschmissen. Mir war wichtig, dass meine Figur eine Tochter hat, weil ich glaube, dass sich die Mutter-Tochter-Rolle sehr verändert hat. Sie hat sich zugespitzt. Mütter sehen ihre Töchter schon immer sehr genau. Umgekehrt ist das aber heute genauso. Was dazu führt, dass zwei Personen aufeinandertreffen, die sehr authentisch miteinander umgehen müssen. Sie zwingen sich gegenseitig dazu.

"Das ist kompletter Blödsinn"

Waren Sie überrascht, als man Ihnen „Die Chefin“ anbot, oder war TV-Kommissarin schon immer ein Traumjob für Sie?

Katharina Böhm: Weder noch. Ich habe keine Traumjobs. Von Ehrgeiz war ich noch nie sehr geplagt. Aber von Perfektion.

Sie wollten nicht Schauspielerin werden. Weil Sie es als Tochter des berühmten Karlheinz Böhm in der Schule nicht gerade leicht hatten?

Katharina Böhm: Das stimmt nicht, das muss ich jetzt mal sagen. „Katharina Böhm wurde in der Schule gehasst“, ist einer der ersten Treffer, wenn man mich googelt. Das ist kompletter Blödsinn. Wenn meine Mutter mich in der durchsichtigen Indienbluse von der Schule abgeholt hat, war das schon etwas seltsam. Es war ja alles sehr dörflich hier. Aber eigentlich hatte ich eine sehr schöne Kindheit.

Aber es stimmt, dass Sie nicht schauspielern wollten ...?

Katharina Böhm: Stimmt. Ich hatte mich nur aus Schüchternheit nicht getraut, Nein zu sagen. Und meine Eltern waren dummerweise nicht zugegen, als man mich gefragt hat. Also habe ich die Zähne zusammengebissen. 

Ihr allererster Drehtag – Sie waren damals zwölf – musste nachsynchronisiert werden, weil Sie kein Wort herausbrachten …

Katharina Böhm: Ja, sobald die Kamera lief, war einfach meine Stimme weg. Aber bis zum Ende der ersten Woche war klar: Ich will mein Leben lang nie mehr etwas anderes machen. Das ist ein großes Geschenk – wenn man weiß, was einen glücklich macht.
9.2.2012, 0.00 Uhr

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