Interview mit Bernadette Heerwagen

 

Stefanie Moissl

"Die unbekannteste Großartigkeit"

Frau Heerwagen, eine große deutsche Zeitung hat Ihnen das Etikett "die unbekannteste Großartigkeit des deutschen Films" verpasst. Nervt Sie das?

Bernadette Heerwagen: (lacht) Das hat alles seine Vor- und Nachteile. Ich kann einerseits unbehelligt einkaufen gehen. Andererseits freue ich mich natürlich, dass ich als "Großartigkeit" dargestellt werde. Aber ich glaube, im Moment wandelt sich das mit dem "unbekannt" gerade.

Zu Ihrer Karrierestrategie gehört es, "ganz viel abzusagen". Ziemlich mutig.

Bernadette Heerwagen: Ich versuche, nur das zu machen, was mein Herz anspricht und was mich herausfordert. Aber klar: Manchmal macht man auch Sachen, um die Miete zu bezahlen.

Entdeckt wurden Sie von Erfolgsregisseur Miguel Alexandre, der damals selbst noch Filmstudent war.

Bernadette Heerwagen: Miguel hat sich damals beim "filmenden Klassenzimmer" bei den Bavaria Filmstudios Geld dazuverdient. Ich war mit meiner Klasse dort und habe mitgespielt. Dabei scheine ich so überzeugt zu haben, dass mich Miguel zwei Jahre später anrief und fragte, ob ich in seinem Abschlussfilm mitspielen wolle.

Was glauben Sie, würden Sie heute machen, wenn er Sie damals nicht entdeckt hätte?

Bernadette Heerwagen: Darüber habe ich nie nachgedacht. Damals hatte ich angefangen, Germanistik und Philosophie zu studieren. Aber ich hatte das Glück, immer weiter drehen zu dürfen. Und irgendwann hat sich die Frage nicht mehr gestellt.


"Leider kann man sie nicht mehr fragen"

Reden wir über "München ’72": Ein Film über den Anschlag palästinensischer Terroristen bei den Olympischen Spielen. Als das Attentat geschah, waren Sie noch nicht geboren. War dieses Thema also Neuland für Sie?

Bernadette Heerwagen: Nein, ich hatte schon vorher viele Dokus über das Thema gesehen. Nicht bekannt war mir, dass es tatsächlich eine Frau gab, die sozusagen das Bindeglied zwischen den Terroristen und der Delegation aus Polizei und Politikern war.

Sie spielen diese Frau, über die es unerklärlicherweise tatsächlich kaum Informationen gibt …

Bernadette Heerwagen: Ich nehme an, dass Genscher und die anderen einfach interessanter für die Medien waren als eine Frau, die direkt vor Ort war. In der heutigen Zeit kaum vorstellbar. Es hätte mich interessiert, ob sie damals keine Interviews geben wollte oder sollte. Aber leider kann man sie nicht mehr fragen, weil sie vor einiger Zeit starb.

Was haben Sie über Anneliese Graes, die im Film Anna Gerbers heißt, herausgefunden?

Bernadette Heerwagen: Ich habe eine ältere Dokumentation entdeckt. Mit Bildern, wie sie da in der Conolly-Straße am Haus stand, rauchend, mit ihrem riesigen Funkgerät. Ich habe versucht, über die Körperlichkeit an ihre Persönlichkeit heranzukommen.

Was hat Sie am meisten erschüttert?

Bernadette Heerwagen: Wir konnten in der Connollystraße drehen, in und vor dem Originalhaus. Das war toll und unheimlich zugleich.

Im Film wirkten Schauspieler aus Israel und Palästina mit. Wie war die Stimmung am Set?

Bernadette Heerwagen: Ich hatte vor allem mit dem Schauspieler zu tun, der den Anführer der Terroristen spielte. Unglaublich, er spricht kein Wort Deutsch, was man ihm im Film überhaupt nicht anmerkt. Er hat eine Leistung abgeliefert, vor der ich meinen Hut ziehe.

 

"Die Stunde null des Terrorismus"

Das Wort "Terrorangst" war ’72 noch gar nicht erfunden, die Polizei schien völlig überfordert mit der Situation. War man damals naiv?

Bernadette Heerwagen: Naiv, ja. Im positivsten Sinne. Man wollte fröhliche Spiele haben und ein Deutschland zeigen, das nach dem Zweiten Weltkrieg friedlich ist. Das Olympia ohne Waffen ausrichten will und wird. Das Attentat 1972 war die Stunde null des Terrorismus in Deutschland. Wenn man heute auf den 11. September blickt, würde man auch sagen, dass einige Dinge naiv waren. Im nachhinein ist man immer klüger.

Heute, 40 Jahre nach dem Attentat, schwelt der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern immer noch. Hat die Welt nichts dazugelernt?

Bernadette Heerwagen:
Das Wichtige ist – und das will auch der Film sagen – die Hoffnung nicht aufzugeben, dass es irgendwann eine Lösung geben wird. Es gibt ein starkes Bild im Film, wie Spitzer und der Anführer der Terroristen im Hubschrauber nach Fürstenfeldbruck fliegen. Und wie sich sich ansehen! Man hat das Gefühl, dass sie sich einig sind über die Sinnlosigkeit des Mordens. Das ist für mich die symbolische Aussage des Films.

8.3.2012, 0.00 Uhr

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