Interview mit Joseph und Josefina Vilsmaier

"Der Meineidbauer" FR, 27.9., ARD, 20.15.

Robert Nehr

 
 
Wie lange hatten Sie den Stoff des alten Volksstücks „Meineidbauer“ schon im Blick?
 
Joseph Vilsmaier: Ich hatte den Stoff überhaupt nicht auf dem Radar, er wurde mir von Lisa-Film angeboten.
„Der Meineidbauer“ war mir zwar ein Begriff, aber die Einzelheiten waren mir nicht mehr so geläufig.
Außer natürlich, dass Ludwig Anzengruber der Autor ist.
  
Was ist besonders an Meineidbauer?
 
Joseph Vilsmaier: Die Geschichte wird auch in dreihundert Jahren immer wieder mal verfilmt werden, weil sich die Menschen offenbar nicht ändern. Vor allem die Gier nach Geld, Profit und Besitz wird ein ewiges Thema bleiben, wie man ja heute unter anderem an der Bankenkrise sehen kann. 
 
Josefina Vilsmaier: Aber genau diese Thematik ist es ja, die den Zuschauer interessiert. 
Man könnte sagen: Wir haben eine neue Fassung eines Klassikers gemacht, weil das Grundthema heute genau so gültig ist wie früher. Auch der Romeo-und-Julia-Aspekt ist ein wichtiger Bestandteil des „Meineidbauern“.
Lügen, Intrigen und Feindseligkeiten sind Themen die leider auch heue an der Tagesordnung sind.
 
Joseph Vilsmaier:
Ich glaube man kann sagen: Jeder Mensch wird ein bisschen was von sich finden in der Geschichte.
 
Josefina, was nimmst du persönlich aus der Geschichte mit?
 
Josefina Vilsmaier: Mit der Problematik um Lügen und Intrigen muss sich doch jeder irgendwann mal auseinandersetzen. 
Denn Ehrlichkeit kann manchmal echt hart sein, vor allem wenn man mal so richtig Mist gebaut hat. Aber dann lieber einmal raus damit, als mit den Konsequenzen leben zu müssen wie im „Meineidbauer“.

Für mich war auch die unglückliche Liebe zwischen Marie und Toni ein wichtiger Aspekt! Sie mögen sich total gerne und können es wegen der Feindschaft zwischen den Familien nicht leben und das finde ich sehr schade und absolut überflüssig.
 
Eben dieser Romeo und Julia Aspekt....
 
Josefina Vilsmaier: Genau. Ich musste so etwas in meinem Privatleben noch nie durchstehen, aber ich weiß, dass das auch in unserer heutigen Gesellschaft durchaus ein Thema sein kann.
 

Der moderne Meineidbauer
 
Beim Vergleich mit der Meineidbauer-Version von 1956 fällt auf: Der Glauben spielt hier eine viel eindeutigere Rolle. Die Moral, nach der sich die Geschichte wendet, ist aber die Gleiche und entspringt aus dem christlichen Glauben. Ein beabsichtigter Effekt?
 
Joseph Vilsmaier: Dass sich der Einfluss der Kirche in den 60 Jahren verändert hat, ist offensichtlich. Die Moral, auf die sich die Geschichte auch im neuen Film bezieht, basiert auf den 10 Geboten. Würden sich alle an diese Gebote halten, würde die Welt anders aussehen. Sogar der Straßenverkehr ließe sich danach regeln. „Wenn Du Deinen Nächsten liebst wie Dich selbst, dann gefährdest Du ihn auch nicht!“ So einfach wäre es.

Mein Glaube wurde geprägt durch die vier Jahre die ich als Zehnjähriger im Internat bei den Franziskanerinnen verbracht habe. Aber Gebote hin oder her: Ich glaube, jeder Mensch spürt selbst, wenn er etwas Falsches tut. Er kann sehr wohl zwischen Gut und Böse unterscheiden.
 
Josefina Vilsmaier: Das Hadern des Meineidbauern mit Gott ist auch in der neuen Fassung thematisiert, aber alle äußeren Umstände haben sich doch sehr verändert. Heutzutage haben auch die Bergbauern ihr Handy in der Tasche. 
Völlig anders ist auch das Selbstverständnis der heutigen Frauen und das ist auch gut so!
 
Das sieht man ja auch daran, wie Sie die Marie spielen – ein komplett anderes Frauenbild als im Vorgänger. Ihr Eindruck vom Dreck?
 
Josefina Vilsmaier: Ich hab mich mit diesem Thema natürlich vorher auseinandergesetzt. Und ich hab mir die alte Version angeschaut, bin aber jetzt nicht an die Rolle ran und habe mir gedacht: Okay, Marie muss jetzt radikal modern sein!
Das kam dann eher automatisch und war eher intuitiv gespielt.

Aber wenn ich Probleme mit der Rolle hatte, standen mir meine wunderbaren Kollegen Suzanne von Borsody und Günther Maria Halmer mit all ihrem Wissen zur Seite. Da bin ich großen Dank schuldig.
 
Die Gefahr, dass es zu sehr ins Klischee abgleitet, ist dabei natürlich gegeben. Allein ein Handy macht natürlich den Film nicht moderner. Wie wurde das in diesem Fall verhindert?
 
Joseph Vilsmaier: Wenn man zum Dreh in die Alpen kommt, ist das erst mal schon etwas skurril. Da steht dann der echte Bergbauer vor einem am Hang, mit zerrissenen Hosen und dreckigen Händen, von Ziegen und Kühen umgeben – und dann klingelt sein Handy und er geht ran: „Was willst?! Was is’ los?!

Da trifft Klischee auf moderne Technik! Heutzutage ist in bäuerlichen Stuben ein Laptop schon lange nicht mehr ungewöhnlich. Die modernen Kommunikationsmittel verbinden eben auch einen Bergbauern mit der übrigen Welt – wenn er will.
 
Josefina Vilsmaier: Ich finde das manchmal sogar schade. Wir haben auch ein Haus im Böhmerwald. Das war früher so der einzige Ort, wo wir nie Internet hatten. Ich habe das geliebt! Ich bin da hingefahren und konnte mein Handy einfach auf die Seite legen. Das war noch der eine Ort, wo man unerreichbar sein konnte. Nun sind wir vor zwei Wochen hingefahren und plötzlich hatten wir Internet und ich war total enttäuscht. Ich fand das furchtbar, weil ich das Gefühl hatte, dass das überhaupt nicht passt! 
 
 
Arbeit in den Bergen
 
Wie liefen sonst die Dreharbeiten zu „Der Meineidbauer“ in den Alpen?
 
Josefina Vilsmaier: Einmal haben wir richtig schön das Berg-Feeling erleben dürfen. Da musste jeder etwas vom Filmequipment mit auf den Berg schleppen, weil weder Bus noch Auto da hoch fahren konnte.
Ich hatte Glück und musste nur ein paar Kabel mitnehmen. Und dann sind wir da eine Stunde hoch spaziert. Aber es war richtig richtig schön!
 
Joseph Vilsmaier: Das war wirklich ein großes Glück: Andere fahren da im Urlaub hin! Allein wenn man dort nur spazieren geht und diese Landschaft sieht, denkst du dir: Das ist einfach nur fantastisch!
 
Gibt’s bei einem oft verfilmten Stoff wie „Der Meineidbauer“ mehr Diskussionen, bringen die Schauspieler ihre Ideen mehr ein? Hat sich schon eine eigene Vorstellung verfestigt?
 
Joseph Vilsmaier: Nein. Günther Maria Halmer und Suzanne von Borsody waren unsere Traumbesetzung. Und dann war’s wie immer bei mir: Jeder darf schon im Drehbuch seine Ideen einbringen. Am Drehort gibt es dann eigentlich nur noch Änderungen, wenn sich vom Motiv oder der Umgebung her eine neue Situation anbietet. Bei uns gibt’s diese stundenlangen Diskussionen eigentlich nie.
 
Im Wahljahr legen Sie beim neuen Meineidbauer den Fokus auf Gier und Korruption: Absicht im Bundestagswahljahr?
 
Joseph Vilsmaier: (lacht)Wo denken Sie hin! 
Anzengruber hat sich das damals bestimmt nicht aus den Fingern gesogen. Das hat es schon immer gegeben.
Gier, Korruption, Ellbogengesellschaft – dafür haben wir auch heute genügend Beispiele und nicht nur in der Politik.
Wenn ich an 1947 zurückdenke: auf meinem Stock lebten sechs Parteien und jeder hat dem anderen geholfen. Okay, das war aus der Not heraus, aber mein Eindruck ist: Die Menschen haben sich einfach besser verstanden. Heute denk ich mir manchmal:
Jeder schimpft auf den anderen. Missgunst und Egoismen an allen Ecken und Enden! Ich kann es nicht mehr hören, vor allem auch im Wahlkampf! Die wirklichen Probleme bleiben außen vor und Argumente zählen ohnehin nicht mehr!
 
So bleibt die Reaktion von Marie und ihrer Mutter „Ich will einfach nur in Frieden leben, belassen wir’s dabei“ auch Ihre Idealvorstellung?
 
Joseph Vilsmaier: Ja, das kann man so sagen.
 
Josefina Vilsmaier: Genau. Das ist so eine Moral aus „Der Meineidbauer“: Lügen haben kurze Beine – irgendwann kommt es ja doch raus. Also am besten gleich die Wahrheit auf den Tisch und sich offen mit den Problemen auseinandersetzen, das ist was ich mir wünsche.
 
Frau Vilsmaier, Sie spielten schon zuvor in einem Film Ihres Vaters mit. Hat sich die Zusammenarbeit denn im Laufe der Jahre verändert?
 
Josefina Vilsmaier: Ich hab schon öfter unter der Regie meines Vaters gedreht. Zuletzt war es vor sieben Jahren in „Bergkristall“. Natürlich bin ich in der Zwischenzeit erwachsen geworden und habe mich auch verändert, aber unsere Zusammenarbeit ist eher so wie sie immer war. In unserem Privatleben, also zuhause, ist das schon etwas anders. Wenn ich mal eine andere Meinung habe, dann sag ich schon mal eher: Das oder jenes passt mir nicht!

Aber am Set ist mein Vater mein Regisseur und da gilt was er sagt! Auch werde ich in keinster Weise bevorzugt und da bin ich sehr froh drum. Manchmal nimmt er mich sogar härter ran als andere. Und auch das finde ich gut, weil ich mich nur so weiter entwickeln kann. Aber Ideen hört er sich von mir genau so an, wie von den anderen Darstellern. Eigentlich kommen wir immer recht gut aus. Und wenn nicht, werde ich ganz schnell von ihm zur Seite genommen. (lacht)
 
 
 
18.9.2013, 0.00 Uhr

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