"Götz von Berlichingen": Interview mit Henning Baum

Götz von Berlichingen war zwar nicht der letzte Raubritter. Aber der einzige, dem RTL ein prächtiges Historienspektakel widmet – bestens besetzt mit Henning Baum. Wir haben uns mit ihm unterhalten …

Autor: Stefanie Moissl

Wenig Historie, noch weniger Goethe, dafür sehr viel Spektakel ist das RTL-Event "Götz von Berlichingen". Und das kann sich sehen lassen. Mit großem Aufwand entstand für den Dreh in Tschechien eine mittelalterliche Stadt. Wer könnte den Raubritter mit der eisernen Hand besser verkörpern als Henning Baum, der sich mit Muskelbergen und Raubeingehabe den Titel "der letzte echte Kerl im TV" erarbeitet hat? Wir erwischen den Schauspieler in einer Drehpause, im Auto. Die Telefonverbindung ist schlecht, vorsichtshalber warnt er schon mal vor dem nächsten Funkloch. Unsere Fragen beantwortet er trotzdem so besonnen, als säße er gerade in einer Talkshow.

Herr Baum, "Götz von Berlichingen" ist weniger ein Historienfilm als ein Hollywood-mäßiges Spektakel …

Henning Baum: "Hollywood-mäßig" ist so ein Schlagwort - da denkt man an "Gladiator", oder "Robin Hood". Natürlich müssen wir hier von anderen Dimensionen sprechen. Aber wir haben sicherlich mit sehr viel Fleiß und Sorgfalt versucht, unser Werk mit Leben zu füllen. Alle am Set haben die besondere Energie gespürt, die von diesem Projekt ausging. Ich habe zum Beispiel nie eine Wäremejacke gebraucht. Ich habe einfach viel von dieser tschechischen Suppe gegessen. Mitunter waren es sehr lange Tage, trotzdem war ich am Abend nicht müde. Und am nächsten Morgen bin ich mit einer ganz großen Freude erwacht.

War Götz von Berlichingen "nur" eine Rolle? Oder waren Sie an der Entwicklung beteiligt?

Henning Baum: Ich bin erst später dazu gekommen und war diesmal nicht an der Entwicklung beteiligt. Hab’ mich ganz aufs Spielen konzentriert.

Im letzten rtv-Interview haben Sie erzählt, dass es Ihnen wichtig ist, möglichst viel Eigenes mit in ein Projekt reinzugeben – so wie beim "Letzten Bullen", wo Sie Produzent waren. Können Sie das überhaupt – hingehen, abliefern, heimgehen?

Henning Baum: Das war schon diesmal auch so, dass ich sehr viel von mir selbst in den Götz reingelegt habe. Die Vorlage muss sozusagen verstoffwechselt werden. Und dann macht der Schauspieler was Eigenes draus. Die Interpretation dieser Figur entspringt schon meinem Inneren.

Ständig in Fehden verstrickt

Eine Figur, mit der Sie sich identifizieren können?

Henning Baum: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es für mich reizvoll war, in diese Zeit einzutauchen. Götz von Berlichingen ist nicht der mitteltalterliche Mensch, der in den Ständen verhaftet ist, sondern er ist der Typus, der sein Leben schon individuell gestaltet. Der historische Götz von Berlichingen war ständig in Fehden verstrickt. Es ist eigentlich ein Wunder, dass er so alt geworden ist. Aber genau das zeichnet ihn natürlich als Legende und als zähe Natur aus.

In der Presse-Info hieß es, Sie hätten am Set Schwerstarbeit geleistet …

Henning Baum: Wir hatten viele Kampfszenen, da musste man wirklich fit sein. Dabei haben wir mit echten Eisenwaffen gekämpft. Wenn man da nicht ganz genau gewesen wäre oder sich vertan hätte, hätte man die Kollegen, bzw. die Stuntleute schwer verletzen können. Und die uns auch. Da war es wichtig, dass ich die Kämpfe schnell drauf habe, dass ich sie sicher drauf habe, und dass sie trotzdem gewaltig aussehen. Die psychische Anstrengung hat sich vor allem da bemerkbar gemacht, wo Götz die Krise erlebt. Der dramatischste Moment im Film ist ja, als Götz die Hand abgeschlagen wird. Es hört sich etwas seltsam an, aber: Es ist schon so, dass man als Schauspieler etwas von diesem Schmerz auch innerlich erlebt.

Hätten Sie gerne in dieser Zeit gelebt – oder in einer anderen Zeit als der heutigen?

Henning Baum: (Stille. Das angekündigte Funkloch? Nach einer gefühlten Minute schiebt sich langsam Henning Baums brummige Stimme durchs Rauschen im Hörer) Das ist kein Funkloch, sondern ein "Nachdenkloch". Wenn ich wie Götz Ritter gewesen wäre, hätte ich mein Leben ganz erträglich gefunden. Andererseits neigt man dazu, mit einem verklärten Blick auf diese Zeit zu schauen. Die meisten Menschen waren arme Bauern, die jeden Tag zusehen mussten, dass sie irgendwie überleben … Ich glaube, dass wir in der heutigen Zeit gut aufgehoben sind.

Geschlechterfragen sind Luxusgedanken

Ist es wirklich so, dass Männer damals noch viel mehr Mann und Frauen mehr Frau sein konnten?

Henning Baum: Damals haben sich Männer und Frauen nicht so viele Gedanken über Geschlechterfragen gemacht, weil sie mit dem Überleben beschäftigt waren. Das sind ja heute alles Luxusgedanken, die daher rühren, dass wir so viele Ressourcen zur Verfügung haben. Diese ganze Gender-Diskussion ist eine Entwicklung unserer Zeit. Und sicherlich nicht immer ganz notwendig.

Es ist ja tatsächlich so, dass sich die Gegensätze im Alltag immer mehr aufheben - was ja durchaus gewünscht und erstrebenswert ist …

Henning Baum: Sie sprechen von einem kleinen Teil der Welt. Von den Städten der westlichen Welt. Gehen Sie mal in Deutschland aufs Land, selbst da verändert sich das Bild rapide. Wenn Sie Deutschland verlassen und nach Südeuropa oder nach Südosteuropa gehen, dann verändert sich das Bild nochmals. Wenn Sie dann das Mittelmeer überqueren, sind Sie in Afrika, und dort finden Sie zum Teil sogar noch archaische Strukturen. Es ist also nur ein ganz kleiner Teil auf der Welt, wo sich diese Gegensätze aufheben. Und eigentlich tun sie das nicht wirklich. Da ist mehr der Wunsch der Vater des Gedankens.

Sie drehen zurzeit den Film "Im Zweifel". Ausnahmsweise spielen Sie mal keinen kernigen Typen …

Henning Baum: Ja … das ist was ganz anderes. Ein Ehedrama. Es ist die Geschichte zweier Menschen, und wie der Zweifel in ihre Beziehung gerät. Eine Geschichte, mit der sich der Zuschauer sicher eher identifizieren kann als mit dem Götz. Wobei er sich mit dem Götz vielleicht lieber identifiziert. (lacht)


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Wer war Götz von Berlichingen wirklich?

Der echte Gottfried "Götz" von Berlichingen lebte im Spätmittelalter, von ca. 1480 bis 1562 und war ein fränkischer Reichsritter. Obwohl er nach seiner Lehrzeit als Knappe nur als freier Ritter für den Kaiser kämpfen wollte, verpflichtete er sich als Raubritter für verschiedene Herren. Zu Wohlstand gekommen, kaufte er sich die Burg Hornberg und gelangte zu Bekanntheit, als er in den schwäbischen Bauernkrieg verwickelt wurde. Als Vorbild der gleichnamigen Figur in Goethes "Götz von Berlichingen" fand er schließlich zu literarischem Ruhm. Das sogenannte "Götz-Zitat" wurde von Goethe dabei marginal verändert. Bei Goethe heißt es: "Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsche lecken". Laut seinen eigenen Aufzeichnungen ging der Spruch wie folgt: "Da schriehe ich wider zu ime hinauff, er soldt mich hinden leckhenn".



20.11.2014, 0.00 Uhr

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