"Schuld": Interview mit Moritz Bleibtreu

Zurück im Fernsehen: In

Schuld spielt Moritz Bleibtreu den Berliner Strafverteidiger Friedrich Kronberg, die einzige durchgehende Hauptrolle. Nicht nur darüber haben wir mit ihm gesprochen ...

Nach "Verbrechen" findet mit "Schuld" Ferdinand von Schirachs zweiter Band als Miniserie ins ZDF-Programm. 40 Jahre Berufserfahrung eines Strafrechtlers in Kurz­geschichten gefasst. Moritz Bleibtreu spielt die Hauptrolle: Friedrich Kronberg. Er ist die einzige Konstante der inhaltlich abgeschlossenen Fälle. Jemand der zuhört, nicht ermittelt. Eben kein Kommissar. Für die Rolle kehrt Bleibtreu nach 17 Jahren zum Fernsehen zurück, scheitelt seine Haare, wirft ein graues Sakko über und steigt in einen grünen Jaguar. 


"Fernsehen hat sich wahnsinnig verändert"

Lange nicht gesehen: Moritz Bleibtreu wieder im Fernsehen, wieso?

Moritz Bleibtreu: ...in meine Filme geht ja keiner. Scherz beiseite: Tatsache ist, ich habe mich nie gegen das Fernsehen entschieden, sondern für das Kino. Es ist nur so, dass sich Fernsehen und die Erzählstruktur des Filmes generell wahnsinnig verändert haben. Und eine Geschichte wie "Schuld" wäre, glaube ich, vor 15 Jahren so noch nicht denkbar gewesen. Aber das ist keine absolute Entscheidung fürs Fernsehen. Ich habe mich immer bemüht, gute Filme zu machen und das tue ich weiterhin – ob im Fernsehen, im Kino oder im Internet, der nächste Ort, für den man Filme produzieren wird.

Nun also sechs Wochen Krimi im ZDF.

Moritz Bleibtreu: Jetzt können sich endlich alle meine Freunde freitags um 21.15 Uhr aufs Sofa fläzen und sich meine Serie angucken. Das ist ein Aufruf, übrigens!

Laden Sie ein?

Moritz Bleibtreu: Auf gar keinen Fall!

Gibt es eine TV-Ermittlerfigur, mit der Sie aufgewachsen sind?

Moritz Bleibtreu: Für mich gab’s in meiner Kindheit oder Jugend eigentlich nur einen: "Kottan ermittelt", ganz klar! Ansonsten: "Die Straßen von San Francisco", Colt Seavers selbstverständlich, "Miami Vice". "Detektiv Rockford" fand meine Mutter immer ganz toll.

Friedrich Kronberg fährt ja einen alten Jaguar ...

Moritz Bleibtreu: ...ja, das fand Ferdinand richtig scheiße! Er sagte zu mir, das sei ein totales Klischee.

...trägt ein schlichtes Sakko und raucht fast ununterbrochen. Was sind Ihre Marotten?

Moritz Bleibtreu: Ich fahre gerne schnelle Autos, trage teure Turnschuhe und Uhren.

Strafverteidiger Friedrich Kronberg: Was ist das nun für ein Typ?

Moritz Bleibtreu: Ich hatte das Bild von jemandem, der sehr gefasst sein muss. Jemand, der einen sehr geordneten Lebensablauf braucht, um mit all dem Wahnsinn, der ihm täglich begegnet, umgehen zu können. Kronberg ist aber auch eine Figur, die vor allem durch ein gewisses Mysterium lebt. Wir erfahren im Zuge der sechs Teile ja nicht sonderlich viel von ihm, wissen nicht, ob er verheiratet ist, wie es um seine familiäre Situation bestellt ist. Eigentlich wissen wir so gut wie gar nichts. Er funktioniert wie ein Neutrum, das die Zuschauer durch die sechs Fälle begleitet. Für mich stellte sich grundsätzlich die Frage danach, was Schuld bedeutet und wie man im Rechtssystem mit dieser Frage umgeht.


"Ich habe noch nie jemandem böswillig auf die Füße getreten" 

Und? Welche Antwort haben Sie auf die Schuldfrage gefunden?

Moritz Bleibtreu: Schuld ist ja ganz einfach zu definieren. Schuld ist das objektive oder subjektive Gefühl, einen Fehler begangen zu haben. Die eigentliche Frage ist dann, wie weit das geht. Sprich: Habe ich einem Menschen wirklich etwas angetan, ihm Leid zugefügt? Das ist natürlich ein völlig neues Niveau! Wie dann jeder damit umgeht, wo persönlich die Grenzen liegen und wie man emotional Schuld für sich selbst definiert, das ist letztlich das Spannende.

Macht sich ein Moritz Bleibtreu auch mal schuldig? 

Moritz Bleibtreu: Ich mache jeden Tag Fehler, das weiß ich. Es gibt jeden Tag mindestens eine Sache, von der ich mir danach denke: Das hättest du dir auch sparen können. Wenn nicht zwei, drei oder zehn. Aber: Ich habe noch nie im Leben jemandem böswillig auf die Füße getreten!

Ein allumfassender Leitgedanke der Serie ist: "Jeder kann zum Täter werden, es hängt nur von den Umständen ab" ...

Moritz Bleibtreu: Das ist eine Tatsache! Selbstverständlich! Der Überlebenstrieb ist der stärkste, den wir haben. Spätestens, wenn dir jemand an dein Leben will, wirst du sehen, dass du in der Lage bist, Dinge zu tun, die du nicht für möglich gehalten hättest. Du weißt nicht, was passiert, wenn dir jemand eine Knarre an den Kopf hält. Ich wäre da sehr vorsichtig, vorherzusagen, wie ich handeln würde. Ich weiß nur: Menschen tun die verrücktesten Dinge, um zu überleben.

Was würden Sie im Notfall tun? Abdrücken?

Moritz Bleibtreu: Das weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass ich niemals in eine solche Situation hineingeraten möchte. Und: Ich bin eigentlich schon das, was man einen Pazifisten nennen würde. Grundsätzlich gehe ich jeder Form von Streit oder Gewalt aus dem Weg.

Die Miniserie "Schuld" konfrontiert nun gerade mit dem Bösen in uns selbst und in der Folge auch mit der übelsten Form und Wirkung von Gewalt.

Moritz Bleibtreu: Damit wird man in der heutigen Zeit, vielleicht schlimmer als jemals zuvor, ja täglich konfrontiert. Das, was wir uns im echten Leben angucken können, übertrifft natürlich unsere wüstesten Vorstellungen.

Was meinen Sie, gibt es von Grund auf böse Menschen?

Moritz Bleibtreu: Klar gibt es Menschen, bei denen viel schief lief, die sich selbst so sehr verloren haben und ihre Menschlichkeit gleich mit. Und die kommt nicht mehr zurück. Das ist so wie bei „Krieg der Sterne“, hast du dich einmal für die dunkle Seite entschieden, dann wird es schwer, diesen Weg zurückzugehen. Seine Menschlichkeit zu behalten, ist das Wichtigste. Es kann keine Rechtfertigung dafür geben, einen anderen Menschen umzubringen. Die gibt es einfach nicht.

Hatten Sie vor Ihrer Fernsehrolle als Anwalt irgendwelche Berührungspunkte oder Erfahrungen mit Gerichtsprozessen?

Moritz Bleibtreu: Das Gute ist, die einzigen Kontakte waren vor meiner Strafmündigkeit. Nee, im Ernst, mit der Ausnahme von ein paar Jugendsünden habe ich da zum Glück nie Probleme gehabt, mich auch noch nie im Gericht und noch nie vor einem Richter befunden.


"Die besten Geschichten schreibt das Leben"

Was macht die sechsteilige TV-Serie "Schuld" in der gegenwärtigen Krimilandschaft so reizvoll?

Moritz Bleibtreu: Es sind Geschichten von Ferdinand von Schirach. Ein Mensch, der über 40 Jahre in einem hochkomplexen, wahnsinnig interessanten Feld arbeitet: nämlich dem Strafrecht. Das bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten, sich selbst zu verlieren, sich zu korrumpieren oder sich gerade zu machen, was irre, irre, irre spannend ist. "Schuld" ist ein Potpourri aus Erlebtem. Das sind, wie so viele andere Geschichten, die auf einen authentischen Hintergrund zurückgreifen, einfach wahnsinnig geile Storys. Es ist halt oft so: Die besten Geschichten schreibt das Leben.

Und jetzt sind Sie auf den Geschmack gekommen und arbeiten wieder häufiger fürs Fernsehen?

Moritz Bleibtreu: Das kann ich nicht sagen. Wenn es geile Sachen gibt: auf jeden Fall! Das muss man sehen. "Schuld" war jetzt erst mal die einzige Produktion fürs Fernsehen. In der Zwischenzeit habe ich noch zwei Kinofilme gedreht, und jetzt gucke ich mal, was da kommt. Aber abgeneigt bin ich definitiv nicht! 

9.2.2015, 0.00 Uhr

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