Interview mit Anna Unterberger

Anna Unterberger ist an der Seite von Horst Krause in der Komödie "Krüger in Almanya" zu sehen. Was sie von den älteren Schauspielkollegen lernen kann, wieso eine gute Komödie auch immer ein bisschen dramatisch sein muss, und was sie als große Herausforderung für die Branche sieht, erfahren Sie aus dem Gespräch mit unserem Chefredakteur ...

Halb Unterhaltung, halb Aufklärung

„Krüger aus Almanya“ startet mit Stereotypen: hier der spießige, dicke Deutsche, dort die gewaltbereiten jungen Türken ...

Anna Unterberger: Das ist ja leider nicht nur im Film so: So jemand wie Herr Krüger im Plattenbau und die Abneigung gegenüber Mitbürgern türkischer Herkunft kommt durchaus vor. Ich glaube, da holt man Teile einer Gesellschaft auch ab, wo sie leider steht.

Am Ende des Films haben sich fast alle Figuren verändert und aus ihren Rollen emanzipiert. Geschieht dasselbe mit dem Zuschauer, ist er am Ende des Films ein anderer?

Anna Unterberger: Ein anderer, das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Aber es ist schon viel getan, wenn er auch nur über Kleinigkeiten neu und weiter denkt.

Ist „Krüger aus Almanya“ eher ein unterhaltender oder eher ein aufklärender Film?

Anna Unterberger: Natürlich ist es ein Unterhaltungsfilm, aber genau in dieser Unterhaltung behandelt dieser Film Themen, die uns alle was angehen und mit denen wir uns beschäftigen sollten. Ein guter Weg, mit solch existenziellen Themen an Menschen anzudocken.


Auch eine Komödie braucht Drama

... weil man damit auch Menschen erreicht, die eine Doku zum Thema um 23.00 Uhr nie anschauen würden?

Anna Unterberger: Genau!

Der Film ist nicht nur lustig, er hat auch berührende Momente. Ist diese Mischung auch ein Weg, um Menschen zu erreichen?

Anna Unterberger: Ich glaube generell, dass eine gute Komödie nicht nur lustig ist. Ich hoffe, dass es auch berührende Momente gibt, sonst hat eine Komödie keinen Sinn. Dann braucht man den Film nicht zu machen, wenn er nicht berührt.

Doris Dörrie hat mal gesagt, die Handlung einer guten Komödie müsste theoretisch jederzeit auch ins Drama kippen können. Trifft das auf „Krüger aus Almanya“ zu?

Anna Unterberger: Ja, total! Erst dann ist es spannend, wenn es jederzeit auf der Kippe stehen kann. Und das sind natürlich auch die Schwierigkeiten, weder in die eine noch in die andere Richtung zu sehr zu kippen. Nicht zu tragisch, nicht zu komisch zu werden, weil dann erreicht man die Leute nicht mehr. Ich glaube, es ist wahnsinnig schwer, eine gute Komödie zu machen.

Dies war ihre erste?

Anna Unterberger: Ja, dieser Film war meine erste Komödie, und für mich als Schauspielerin war es sehr, sehr spannend zu merken, wie wichtig das Timing ist. Wenn das Timing nicht stimmt, kann man auch den besten Witz und die beste Pointe vergessen.

Ist das Timing bei der Komödie wichtiger als beim Drama?

Anna Unterberger: Ja, ich glaube schon.


"Ich sehe mich als Europäerin"

„Krüger aus Almanya“ kann man wohl als Culture-Clash-Komödie bezeichnen. Sie sind Südtiroler Italienerin mit dänischer Mutter und leben in Deutschland und Österreich. Hat ihre eigene Biographie  eine Rolle dabei gespielt, in diesem Film zu spielen?

Anna Unterberger: Ich sehe mich selbst als Europäerin und genieße das sehr. Wenn ich in Dänemark bin, erlebe ich das Land ganz anders und intensiver, weil ich Dänisch spreche. In Italien ist es dasselbe. Ich kann reisen, wann und wohin ich will. Das ist ein riesiges Privileg. Im Film liegt der Fall anders. Der Junge aus Syrien hat ja keine Wahl. Wie er müssen Tausende ihre Heimat verlassen, weil sie verzweifelt sind.

Ein sehr aktuelles Thema ...

Anna Unterberger: Ja, und es macht mich sprachlos, dass eine Gesellschaft wie die unsere, die sehr gut in der Lage wäre, diese verzweifelten Menschen aufzunehmen, sich so schwer damit tut.

Ist das Thema geeignet, unsere Gesellschaft zu spalten, oder werden wir einen Konsens finden?

Anna Unterberger: Ich kann es nur hoffen, dass wir dazu einen Konsens finden werden. Wir sollten in der Lage sein, unserer Verantwortung gerecht zu werden!

Im Film gelingt der Brückenschlag der Kulturen über den Sport. Auch in der Wirklichkeit ein gangbarer Weg?

Anna Unterberger: Ja, ich denke schon. Hinter den kulturellen Unterschieden, den verschiedenen Mentalitäten sind wir doch alle gleich, mit den gleichen Interessen.


Zwei Generationen vor der Kamera

Wie war die Arbeit mit einem Routinier wie Horst Krause?

Anna Unterberger: Einfach wunderbar. Es ist ein großes Privileg mit einem so erfahrenen Schauspieler wie Horst Krause zu arbeiten. Es war von Anfang an eine gute Zusammenarbeit. Horst Krause habe ich als ständig arbeitenden Schauspieler erlebt der intensivst an der Rolle feilt.

Horst Krause und sie trennen zwei Generationen. Bekommt man das beim Dreh zu spüren?

Anna Unterberger: Klar bekommt man den Generationsunterschied zu spüren und die damit unterschiedlichen Erfahrungen. Aber das ist ja auch das spannende an unserem Beruf... zwei Schauspieler mit komplett unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlicher Routine spielen dieselbe Szene miteinander. Das ist doch toll!

Und wenn man freundlich und aufgeschlossen auf die Kollegen zugeht, sind sie ebenfalls freundlich und aufgeschlossen.  Da habe ich bis jetzt noch keine Ausnahme erlebt.

Gibt es Kolleginnen oder Kollegen, mit denen Sie gerne noch zusammenarbeiten möchten?

Anna Unterberger: Da gibt es viele. Ein Kollege ist mir besonders in Erinnerung geblieben, vielleicht auch weil diese Begegnung bei meinem allerersten Dreharbeiten stattgefunden hat. Das war Götz George bei den Dreharbeiten für die Verfilmung von Tabori`s Theaterstück "Mein Kampf".  Ich war unerfahren und nervös, Götz George hat mich unterstützt und mir gute Tipps gegeben.

... was sich nicht mit seinem Image deckt.

Anna Unterberger: Von einem Image möchte ich mich nicht beeindrucken lassen, ich beurteile nach meinen eigenen Erfahrungen.


Die Zukunft des Films

Sie arbeiten am Theater, fürs Kino und das Fernsehen. Was ist am wichtigsten, was macht den größten Spaß?

Anna Unterberger: Ich hoffe mich nie entscheiden zu müssen. Die Basis ist für mich jedoch das Theater. Am Set muss man auf Knopfdruck Emotionen hervorrufen können und vor allem wissen wie man diese in diesem Moment hervorruft. Dafür brauche ich das Theater, die vielen und langen Proben und das damit verbundene "Scheitern"  dürfen.

Unabhängig von Ihrer Person: Wie sehen Sie die Zukunft der drei Gattungen? Das Theater hat das Fernsehen überlebt. Werden Fernsehen und Kino YouTube überleben?

Anna Unterberger: Ich glaube, dass sorgfältig geschriebene und schlüssig entwickelte Geschichten weiter gefragt sein werden.

Fiktionale Filme wie „Krüger aus Almanya“ haben ja die gelernte Dauer von 90 Minuten. Die maximale Konzentrationsspanne von vielen jungen Menschen beträgt heute 10 Minuten ...

Anna Unterberger: Das kann man doch als Herausforderung sehen. Filme zu produzieren bei denen man nach 10 Minuten nicht ausschalten kann, sondern unbedingt weiterschauen muss.

Interview: Matthias Roth

3.4.2015, 0.00 Uhr

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