Interview mit Frank Bethmann

"Viele machen es sich zu einfach"

Wie würde ein Profi 100.000 Euro investieren? Was sind die größten Fehler beim Geldanlegen, und wie ist die Lage auf den Finanzmärkten einzuschätzen? rtv hat den ZDF-Börsenexperten Frank Bethmann gefragt

"Über Geld reden"

Herr Bethmann, Ihr aktuelles Buch heißt "Über Geld reden". Mit wem reden Sie (lieber) über Geld, mit Ihrem Steuerberater oder mit Ihrer Frau?

Frank Bethmann: Ganz klar mit meiner Frau. Die Gespräche mit meinem Steuerberater sind aber auch nicht zu unterschätzen. Da lerne ich meistens noch was dazu.

Über Geld reden ist schön und gut. Darüber nachdenken aber genauso wichtig. Was sind die größten Fehler, die Menschen bei der Geldanlage machen?

Frank Bethmann: Viele machen es sich zu einfach. Wollen damit nichts zu tun haben, überlassen es lieber "ihrem" Finanzberater. Richtig wäre, sich vorher mal selbst mit dem Thema zu beschäftigen. Geld richtig anlegen ist, gerade in Zeiten, in denen es kaum noch Zinsen gibt, nicht einfach, aber auch kein Hexenwerk. Es steht eigentlich alles in den Zeitungen, da zitiere ich gerne mal Harald Schmidt aus meinem Buch. Und wenn ich gar keine Idee von diesem Thema habe, vielleicht auch nur wenig Geld, was mir monatlich zur Verfügung steht, dann nehme ich die 25 und 50 Euro und spare das Geld Monat für Monat in einem Aktienfonds an.
 
Am besten ein ETF (Exchange-traded fund), der wenig Kosten verursacht, weil er nicht aktiv von Banken gemanagt wird, sondern nur die Entwicklung eines Indices, beispielsweise des Dax abbildet. Informationen dazu findet man bei den Verbraucherzentralen oder auch im Internet. Meine Erfahrung aus vielen Gesprächen ist, dass wir alle sehr gut in der Lage sind, dass Internet zum Recherchieren zu nutzen. Wir googlen nach den besten Preisen, wir wissen ganz genau wo wir was finden, nur bei der Geldanlage sind wir nicht bereit, mal den ersten Schritt zu wagen. Man versteht vielleicht nicht alles auf Anhieb, ist dann aber doch eher in der Lage, die richtigen Fragen zu stellen. Trotzdem sage ich eines ganz offen: Finger weg von Dingen, die sie nicht verstehen. 

Wie würden Sie Ihr persönliches Verhältnis zu Geld beschreiben?

Frank Bethmann: Aufgeklärt. Nicht immer entspannt, aber zum Glück doch immer öfters. Wenn es Ihre persönliche Geldsituation erlaubt, gönnen Sie sich auch mal was. Vergessen Sie aber auch nicht, möglichst kontinuierlich etwas zur Seite zu legen. Monat für Monat. Der Zinseszins-Effekt bewirkt Erstaunliches.

Sie sind studierter Betriebswirt. Wieso entscheidet man sich da für einen Job als Journalist und nicht für einen in der freien Wirtschaft?

Frank Bethmann: Ursprünglich wollte ich tatsächliche Unternehmenssprecher werden, dann habe ich aber während meines Studiums die Liebe zum Journalismus entdeckt. Das gefiel mir dann einfach noch besser.

Wie sieht ihr Arbeitstag bis zur Börsenschalte im "heute journal" um 21.45 Uhr aus?

Frank Bethmann: Vormittags lasse ich es langsam angehen, schaue dann aber so ab 10 Uhr schon mal online, was los. Was könnte das Thema für die abendliche Schalte werden? Höre mittags noch ein bisschen Radio und bespreche mich so ab 15 Uhr mit den Redaktionen. Dann wird aus den vielen Möglichkeiten, die der Tag nachrichtlich bietet, ein Thema festgelegt über das ich am Abend berichte. Anschließend bleibt noch Zeit zum Recherchieren. Was lässt man besser weg? Das wesentliche von unwesentlichen trennen. Wenn man Glück hat, bleibt also genügend Zeit um sich auf 21:45 Uhr vorzubereiten. Wenn man Pech hat, fängt man um 19 oder 20 Uhr noch mal von vorne an, weil am Abend eine Nachricht reinplatzt, die viel spannender ist als alles was man zuvor besprochen hat.


Nah dran an der Finanzkrise

Zur Hochzeit der Finanzkrise waren Sie Studioleiter in New York und berichteten von der Wall Street. Wie war das? 

Frank Bethmann: Aufregend, weil das für uns alle damals eine Riesen-Herausforderung war. Nicht nur für uns Finanzjournalisten. Wer hatte denn schon mit einer solchen Sauerei gerechnet. Ein Spiel mit Immobilienhypotheken wird zu einer Bedrohung für das weltweite Finanzsystem. Wer konnte schon wirklich sagen, dass er dieses perfide Spiel, bei dem die Kreditrisiken von den eigentlichen Hypotheken getrennt wurden, sofort durchschaut hatte. In der Folge erlebten wir, wie diese unvorstellbare Gier fast das Finanzsystem gesprengt hätte. Ich habe damals viel gelernt. Zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort in New York zu sein und darüber zu berichten, war schon sehr aufregend.  

Die nächste Krise kommt bestimmt. Wie schätzen sie die aktuelle Lage an den Finanzmärkten ein?

Frank Bethmann: Leider nicht so gut. Aufgrund der Politik des billigen Geldes stimmen viele Bewertungen einfach nicht mehr. Kaum noch eine Vermögensklasse ist richtig bewertet. Weder Immobilien, noch Staatsanleihen und auch nicht Aktien. Einfacher gesagt: Da haben sich längst schon wieder Blasen gebildet. Welches die gefährlichsten Blasen sind, weiß man leider immer erst hinterher – wenn eine dieser Vermögensblasen geplatzt ist. Einige halte die Preisentwicklungen am chinesischen Immobilienmarkt für die gefährlichste Blase, andere warnen vor den unseriösen Autofinanzierungen in den USA und befürchten, dass uns dieses Geschäft schon bald um die Ohren fliegt. Nur eines scheint ganz sicher: Eine Blase wird platzen und dann wieder eine Finanzkrise auslösen. Ob es wieder so schlimm wird wie 2008 ist schwer zu beantworten.

Angst vor Minuszinsen?

Frank Bethmann: Die gibt es ja schon. Fragen Sie mal die Vermögenden. Für Beträge ab 100.000 Euro müssen sie ja heute schon ein sogenanntes "Verwahrentgelt" bei manch einer Sparkasse oder Volks- und Raiffeisenbank bezahlen. Das Wort allein ist ja schon ein Witz. Die Bank passt jetzt auf mein Geld auf, dafür muss ich ihr aber etwas bezahlen. Unglaublich aber leider wahr. Zum Glück betrifft das die meisten von uns nicht. Noch nicht. Wer weiß, ob demnächst nicht auch schon bei kleineren Anlagebeträgen solche Zinsen verlangt werden.


Wie sicher ist Onlinebanking?

Stichwort "Onlinebanking": Wie sicher ist die Technologie?

Frank Bethmann: Schon sehr sicher. Vieles mag man Banken vorwerfen können, nicht aber, dass sie nicht sehr viel Geld in ihre Sicherheitstechnologie investieren. Das machen sie schon. Da geht es ja aus Sicht der Bank um das höchste Gut: Kundenvertrauen. Mach das ordentlich mit meinem Geld! Wenn ich darauf nicht mehr vertrauen kann als Kunde, dann kann die Bank gleich den Laden dicht machen. Dann war`s das!

Bei der enormen Vielfalt an Anlagemöglichkeiten, sind Aktien noch eine empfehlenswerte Option?

Frank Bethmann: In jedem Fall. Wie ich bereits sagte, wenn ich gar nicht weiß, wohin ich mein Geld anlegen soll, kaufe ich ein ETF. Um den Bankier Friedrich von Metzler aus meinem Buch zu zitieren: In Aktien spekuliert man nicht, in Aktien spart man. Und der Mann muss es eigentlich wissen. Das Bankhaus von Metzler gibt es seit über 340 Jahren und hat in all den Jahren das eigene Vermögen und das Vermögen seiner Kunden durch die Krisen gebracht. 

Doch eines möchte ich auch ganz deutlich sagen, egal ob Aktienfonds oder Einzelaktien, man muss als Anleger auch ertragen können, dass die Kurse mal fallen. Das wird auch wieder passieren, aber über die letzten 30 bis 40 Jahre sind Aktien durchschnittlich zwischen sechs und acht Prozent gestiegen. Es gibt ein paar Dinge zu beachten: Man sollte Aktien nicht auf Pump kaufen, sondern nur mit Geld was man übrig hat. Und man sollte mit Aktien langfristig sparen. An der Börse gibt es dazu einen passenden Spruch: Hin und her, Taschen leer. Will sagen, wer immer wieder kauft und verkauft macht auf Dauer nur die Händler reich, die an der Provision verdienen.

Bei den Rohstoffen? Ist Gold noch immer eine sichere Bank oder gibt es hier aktuell andere Trends?

Frank Bethmann: Da kann ich nur aus persönlicher Überzeugung sprechen: Für mich ist Gold auf jeden Fall einen Kauf wert. Denn Gold stellt einfach einen Wertspeicher da. Kaufen Sie immer physisches Gold. Also kleine Barren oder Münzen wie den Krügerrand, keine Zertifikate auf Gold. Gold ist zudem ein idealer Gegenspieler zu Aktien. Läuft es bei Aktien schlechter, steigen erfahrungsgemäß die Preise für das Gold.

Wie schätzen Sie den Immobilienmarkt ein? Lohnt sich eine Investition jetzt noch?

Hier ist Vorsicht geboten. Vielerorts sind die Immobilienpreise davon gelaufen, sprich Häuser und Eigentumswohnungen sind überteuert. Wenn Zinsen wieder steigen, und das wird irgendwann wieder passieren, könnten viele Hausfinanzierer in Schwierigkeiten geraten. Dann ist nicht die Frage, dass es viel zu wenig Wohnraum gibt, entscheidend ist dann viel mehr, ob die Menschen diesen Wohnraum auch noch bezahlen können. Problematisch ist bei Immobilien auch immer, dass unvorhergesehene, externe Effekte die Preise beeinflussen können. Denken Sie an die überraschende Ankündigung der Briten aus der EU austreten zu wollen. Der Brexit hat umgehend dazu geführt, dass im Großraum London die Immobilienpreise gefallen sind. Andererseits ist das auch ein Grund, warum vielerorts die Immobilienpreise in Deutschland nochmal zugelegt haben. Londoner Kapital sucht hierzulande nach neuen Anlagemöglichkeiten.

Angenommen, Sie erben 100.000 € und brauchen das Geld aktuell nicht, wie investieren Sie den Betrag?

Frank Bethmann: Zunächst mal: Mit dem Erben ist das so eine Sache. Auch Erben müssen Steuern zahlen. Unterschiedlich hohe, das hängt vom Verwandtschaftsgrad ab. Aber sagen wir mal 30 Prozent bekommt Vater Staat. Dann bleiben mir noch 70.000 Euro. Immer noch eine ganze Menge Geld. Davon würde ich mir Aktien und Gold kaufen. Vermutlich noch ein schönes Bild von einem Künstler, den ich gut finde und von dem ich hoffe und annehme, dass er noch sehr viel bekannter wird und seine Arbeiten im Preis steigen werden. Und dann würde sicher noch etwas über sein für einen schönen Urlaub!

Autor: Björn Sommersacher

12.10.2017, 10.56 Uhr

Interview empfehlen