Interview mit Florian David Fitz

Zum Film "Kästner und der kleine Dienstag"

Im Film "Kästner und der kleine Dienstag" spielt rtv-Titelstar Florian David Fitz den Schriftsteller, der blieb, als die Nazis regierten. rtv sprach mit dem Schauspieler über Emigration, Moral – und ein Lieblingsgedicht ...

"Wir wären alle gern moralischer"

Florian David Fitz spielt in der österreichisch-deutschen Co-Produktion von Wolfgang Murnberger den Schriftsteller Erich Kästner. Berlin, 1929. Der kleine Hans Löhr sucht seinen Lieblingsschriftsteller Erich Kästner auf, um ihn für einen Schülerzeitungsbeitrag zu gewinnen. Aus der Begegnung wird Freundschaft. In der Verfilmung des Buches "Emil und die Detektive" übernimmt Hans die Rolle des "kleinen Dienstag". Als die Nazis die Macht ergreifen, muss Kästner zwar um sein Leben fürchten, bleibt aber im Lande, arbeitet unter Pseudonym weiter. Hans hingegen tritt der Hitlerjugend bei, um nicht aufzufallen. Er denkt, sein Idol sei wie andere Intellektuelle ins Exil gegangen. "Kästner und der kleine Dienstag" ist ein bewegender Film über eine wenig bekannte, wahre Geschichte. Wir haben mit Florian David Fitz über den Film und die Frage nach der Moral gesprochen ...

rtv-Redakteur Andreas Herden (l.) mit Schauspieler Florian David Fitz
Der heilige Kästner

Herr Fitz, warum gab es so lange keine Filme über Erich Kästner?

F. D. Fitz: Weil ihn so viele lieben. Weil er heilig ist. Es wurde gut über Kästner gewacht.

Obwohl er nicht abgehauen ist, als die Nazis regierten. Ein bisschen unheilig, oder?

F. D. Fitz: Das wurde ihm tatsächlich von vielen vorgeworfen. Aber Marcel Reich-Ranicki hat in einem Interview mal gesagt: Purer Nonsens, Kästner das vorzuwerfen. Man kann ihm vorwerfen, dass er kein Held war, aber mit unserem 80-jährigen Abstand ist leicht Held sein. Ich weiß auch gar nicht, ob es moralisch besser war zu emigrieren. Die Leute, die es gemacht haben, wie Familie Mann, sind nicht glücklicher geworden, und haben auch nicht wirklich mehr zum Ende des Regimes beigetragen. 

Aber sie haben sich zumindest der Gefahr entzogen, als Kollaborateure dazustehen.

F. D. Fitz: Ja, und das hing Kästner dann immer nach. Im Film sieht man sehr gut, wie schleichend dieser Prozess war. Kästner war ein absoluter Pazifist, und deshalb haben ihn die Nazis gehasst. Goebbels wusste, dass Kästner unter Pseudonym Drehbücher geschrieben hat, damit war erst Schluss, als Hitler das erfahren hat.  

Was haben Sie von Erich Kästner gelesen?

F. D. Fitz: Natürlich kenne ich die ganzen Verfilmungen, aber gelesen habe ich als erstes "Fabian".…

Kein Kinderbuch. Haben Sie ein Lieblings-Kästner-Gedicht?

F. D. Fitz: Wer hat das nicht? "Sachliche Romanze".  

"Als sie einander acht Jahre kannten …"

F. D. Fitz: … und man darf sagen, sie kannten sich gut." Das ist eines der traurigsten Gedichte, die ich kenne.  
 
Aber schön. Wie haben Sie sich der Figur des Erich Kästner genähert, um ihn zu spielen?

F. D. Fitz: Naja, das fängt natürlich bei den Äußerlichkeiten an. Jetzt sehe ich nicht gerade aus wie Kästner …. 


Kästner und die Kinder

… tragen Sie im Film eigentlich eine Perücke?

F. D. Fitz: Ja, der hatte wahnsinnig lange Haare. Dann wurde über die berühmten Kästnerschen Augenbrauen diskutiert, aber das sah dann doch albern aus. Aber man kann sich Kästner ja über seine Arbeiten nähern. Und ich hatte das Glück, dass meine Mutter mit einem Ziehsohn von Erich Kästner befreundet war, deswegen kannte ich so ein paar private Seiten von ihm. Er hatte zum Beispiel ein sehr widersprüchliches Verhältnis zu Kindern. Das fand ich auch ganz spannend für diesen Film. Er traut Kindern mehr zu als jeder andere, deswegen ist er auch so ein toller Autor für Kinder, aber ich weiß gar nicht, ob er sie so gerne in seinem Leben hatte (lacht).

Im Film ja eher nicht. Der kleine Dienstag drängt sich ihm regelrecht auf.

F. D. Fitz: Ja, aber der hat sich schon in sein Herz geschlichen. 

Aber eigentlich war der kleine Dienstag gar nicht so einverstanden mit dem, was Kästner macht. Er erwartet mehr Widerstand. 

F. D. Fitz: Das ist ja die spannende Frage. Wie kommst du mit deiner Moral durch, wenn du überleben willst und nicht fliehst. Im Film tröstet er seinen Freund Erich Ohser, der unter seinem Pseudonym E.O. Plauen unter den Nazis berühmt wird: ‚Hauptsache, wir bleiben sauber.‘ Ohser sagt ihm darauf: "Man kann nicht sauber bleiben im Schweinestall. Man macht sich die Hände dreckig." Es ist nicht so simpel. Wer von uns gibt seine Karriere auf für etwas Moralisches? Oder gar sein Leben? Wir wären alle gern viel moralischer, als wir in der Realität sind. Am Ende wollen wir gerne weiterleben.

Der Film läuft kurz vor Weihnachten, Schauen Sie sich ihn nochmal an?

F. D. Fitz: Wahrscheinlich schon, ja. Ich finde, da läuft er perfekt. Dieser Film hat einen ähnlichen Charme wie eine Kästner-Geschichte, ist aber über Kästner. Das ist eine ganz schöne Verknüpfung.

Woran arbeiten Sie gerade?

F. D. Fitz: Gerade drehe ich mit Sönke Wortmann "Der Vorname". Davor habe ich brav geschrieben, jetzt ist das Buch eingereicht. Ab Februar wird gedreht.

Und was?

F. D. Fitz: Es heißt "100 Dinge". Ein Kinofilm, wieder mit Matthias Schweighöfer. Ein Konsumfilm über zwei Jungs, die alle ihre Sachen wegpacken.  

Sie sind der Autor, führen Regie und sind der eine von den beiden, und Matthias Schweighöfer ist der andere…

F. D. Fitz: Genau, gedreht wird in Berlin. Der Film kommt 2018 im Kino.

Interview: Andreas Herden

7.12.2017, 15.51 Uhr

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