Interview mit der Filmautorin Mechthild Gaßner

Zum Dokumentarfilm "37°: Das dunkle Geheimnis"

Missbrauch in der Familie: Der Dokumentarfilm "Das dunkle Geheimnis" beleuchtet an drei Beispielen ein Thema, das viele betrifft und oft verschwiegen wird. Wir haben mit der Filmautorin Mechthild Gaßner gesprochen.

Trauer, Wut – Kraft

Geh’ nicht mit Fremden mit! Wer das beherzigt, ist sicher. Oder? Zehntausende Kinder sind es nicht. Weil die Gefahr da lauert, wo die Sicherheit am größten sein sollte: in der Familie. Jedes siebte Kind in Deutschland erfährt sexuelle Gewalt von nächsten Angehörigen. Eine in jedem Sinn ungeheure Zahl. Aber eben nur eine Zahl. Die Filmemacherin Mechthild Gaßner hat drei Frauen dazu bewegt, vor der Kamera über ihr Schicksal zu berichten – den Missbrauch durch den Opa, den Vater, den Partner der Mutter. Wir haben mit Mechthild Gaßner über ihren Film gesprochen.

 
Enorm wichtiges Thema

Frau Gaßner, Sie haben Dokufilme über das Kanzleramt gemacht, über den Tod, über Demenz. Wie sind darauf gekommen, einen Film zum Thema "Missbrauch in der Familie" zu machen?

Mechthild Gaßner: Mich interessieren alle Facetten des menschlichen Daseins. Das ist ja das Spannende, dass es beim Dokumentarfilm möglich ist, dem nachzugehen. Ich hatte das Glück, wohlbehütete in einer Familie aufzuwachsen, etwas, was vielen Kindern verwehrt bleibt. Das ist mir besonders bewusst geworden, als ich auf das Thema "Sexuelle Gewalt gegen Kinder" aufmerksam wurde.

Jedes siebte Kind in Deutschland ist oder war Opfer sexueller Gewalt, wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich noch höher liegt, wie es heißt. War Ihnen vor dem Film klar, dass das Thema eine solche Dimension hat?

Mechthild Gaßner: Nein, das war es nicht! Diese Zahlen bedeuten, dass rein rechnerisch 2-3 Kinder oder Jugendliche in einer Schulklasse davon betroffen sind. Was mich aber zutiefst verstört hat ist, dass davon die Mehrzahl der Übergriffe in der eigenen Familie oder dem familiären Umfeld stattfinden, wovon ca. 70-80% Mädchen, 20-30% Jungen betroffen sind.

Wie findet man betroffene Frauen, die sich vor der Kamera über die Verbrechen äußern, deren Opfer sie geworden sind?

Mechthild Gaßner: Schwer, das war ein langwieriges und mühsames Unterfangen, bis ich Betroffene fand, die bereit waren, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Alle fühlten sich gebrandmarkt durch das erlittene Leid und sie schämten sich dafür, was ihnen angetan wurde. Zudem hatten die Täter, die ja meist geliebte und vertraute Menschen waren, ein perfides System errichtet. Sie gaben den Kindern die Schuld für das, was geschah, machten sie glauben, dass etwas ganz Schlimmes passieren würde, wenn sie mit jemand sprechen und sie dann daran schuld sind, wenn die Familie zerbricht... und vermittelten ihnen zudem noch das Gefühl, dass ihnen eh niemand glauben würde.

Wie konnten Sie das Vertrauen von Anne, Urte und Johanna gewinnen?

Mechthild Gaßner: Auch das war ein längerer Prozess. Es fanden immer wieder Treffen statt, viele persönliche Gespräche. Anne, Urte und Johanna mussten erst das Vertrauen und auch die Sicherheit bekommen, dass ich ihnen mit Respekt begegne und sie mit ihrer leidvollen Geschichte nicht vorführen will. Dazu mussten sie auch erst mich und meine Arbeit kennenlernen.

Die drei Frauen erzählen von ungeheuren Verbrechen, aber auch von Schweigen und Vertuschen. Keine Hilfe zu finden, scheint manchmal fast ebenso schlimm zu sein, oder?

Mechthild Gaßner: Alle drei Frauen haben in ihrer Kindheit die Erfahrung machen müssen, dass die Menschen in ihrer Umgebung wegschauen, vorsichtige Signale und Hinweise nicht sehen, diese auch meist nicht sehen wollen. Die Ursache davon sind meist emotionale oder finanzielle Abhängigkeiten in Familien. Das Wahrnehmen wäre ja mit einem Konflikt verbunden, den man scheut. Man könnte dann nicht einfach alles weiterlaufen lassen, müsste Konsequenzen ziehen. Die Kinder machen somit die Erfahrung, dass sie nicht nur den Missbrauch ertragen müssen, sondern auch noch von allen damit alleingelassen zu werden. Doppelt schwere Last!
 

Das Gefühl der Schuld 

Den Kindern wird meist vermittelt, sie selbst hätten sich schuldig gemacht. Welche Strategien helfen, aus dieser fatalen Strategie der Täter zu entkommen?

Mechthild Gaßner: Kinder sind den Menschen, die sie lieben und denen sie vertrauen, hilflos ausgeliefert. Sie können sich sexuellen Übergriffen gar nicht entziehen oder schon gar nicht sich davor schützen, wie Urte im Film sagt. Kinder können gar nicht einordnen, was bei den Übergriffen passiert, noch haben sie Worte dafür.

Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit, Kindern von klein auf zu vermitteln: dein Körper gehört Dir. Wenn sich etwas komisch und ekelig anfühlt, dann ist dein Gefühl richtig und dann musst du das auch nicht tun und zulassen. Das müsste aber bereits in der Kita und in den Schulen beginnen.

Wenn es Menschen irgendwann gelingt, sich Hilfe zu holen, ist das Gefühl der Schuld einer der zentralen Punkte in der Therapie. Es ist wichtig, ein Bewusstsein darüber zu entwickeln, ICH BIN NICHT SCHULD! Denn kein Kind trägt an einem sexuellen Missbrauch Schuld.

Welche Rolle spielt künstlerische Betätigung bei der Aufarbeitung?

Mechthild Gaßner: Künstlerische Betätigung, ob Malen, Musik oder Tanz öffnet Wege zu sich selbst, speziell zu den Bereichen, die dem Bewusstsein noch entzogen sind. Es ist ja nicht so, dass in diesem Fall die schrecklichen Erinnerungen gleich rational bearbeitet wären. Da kommen zuerst einmal diffuse Gefühle hoch, die in einem künstlerischen Prozess Konturen gewinnen, unter verschiedenen Aspekten wahrgenommen werden und so langsam einen Zugang zu den eigenen Gefühlen bahnen können.

War das öffentliche Äußern der betroffenen Frauen für diese vielleicht ein Stück Therapie?

Mechthild Gaßner: Wie immer, wenn man vor etwas Angst hat und sich dieser Angst stellt, wird man freier, bewusster, und sich seiner selbst sicherer. Das passierte den Protagonisten in allen meinen Filmen, denn es erfordert immer viel Courage, sich mit seinem Thema der Öffentlichkeit zu stellen, bei diesem so tabuisierten Thema erst recht.

Anne, Urte und Johanna haben aber nicht aus dieser Intention im Film mitgemacht. Sie wollten über den geschützten Rahmen ihres persönlichen Lebens gehen und mit ihren Geschichten aufrütteln. Sie wollen aber auch anderen betroffenen Frauen und Männern Mut machen, dass selbst mit einer so entsetzlichen Erfahrung noch ein relativ gutes Leben möglich ist - vorausgesetzt, man holt sich Hilfe und lernt in der Therapie, "den schweren lebenslangen Rucksack so zu packen, dass man ihn tragen kann!"
 

Verantwortung für die Protagonisten

Was empfindet man, wenn eine Frau vor der Kamera berichtet, dass sie mit zwölf Jahren ihren ersten Selbstmordversuch unternommen hat?

Mechthild Gaßner: Während der Recherche trifft man sich mit vielen Menschen, dringt immer tiefer ihre Geschichten ein. Es sind Lebensschicksale, die oft sehr belasten. Da gibt es durchaus manche schlaflose Nacht. Beim Drehen lasse ich mich natürlich von den Geschichten berühren, ich achte aber vor allem darauf, wie es dem Menschen vor der Kamera geht, ob im angesprochenen Fall Anne über ihre Kraft geht, wann der Zeitpunkt ist, wo wir zu ihrem Schutz erstmal eine Pause oder auch die Dreharbeiten abbrechen müssen. Ich trage bei jedem Thema auch Verantwortung für meine Protagonisten, bei diesem aber besonders.

Denken Sie, dass Ihr Film dazu beiträgt, die Sensibilität der Menschen für das Thema zu schärfen? Sehen danach vielleicht nicht so viele weg?

Mechthild Gaßner: Das hoffen wir. Aus diesem Grund machen wir Filme.

Welchen Themen wollen Sie sich als nächstes widmen?

Mechthild Gaßner: Ich habe verschiedene Ideen, aber noch kein spruchreifes Projekt. Sie können aber sicher sein, dass es auch darin um Menschen geht, um ihre Empfindungen und ihre Probleme – um Themen, die in unserer Gesellschaft zu kurz kommen.

Interview: Matthias Roth

22.1.2018, 16.55 Uhr

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