Interview mit Alwara Höfels und Anna Schudt

Zum Film "Aufbruch in die Freiheit"

Der ZDF-Film "Aufbruch in die Freiheit" geht über ein aufwühlendes Thema: Abtreibung! Wir haben mit Alwara Höfels und Anna Schudt dazu gesprochen. 

Alwara Höfels (l.) und Anna Schudt in "Aufbruch in die Freiheit"

"Die rechtelose Frau, die möchte ich nicht sein"

Der Film "Aufbruch in die Freiheit" beruht auf einem "stern"-Titel von 1971, auf dem Frauen bekannten: "Wir haben abgetrieben". Der Film erzählt die fiktive Geschichte einer von dieser Schrift verdeckten Frau. Wir haben mit den Hauptdarstellerinnen Alwara Höfels und Anna Schudt gesprochen. 

Wie war es, sich in die 70er einzustimmen?

Anna Schudt: Es war toll. Eine sehr spannende Zeitreise. Auch, weil man die Siebziger Jahre aus der Kindheit noch kennt und jetzt aus einer ganz anderen Perspektive erleben konnte. Allein die Tapeten, die Kleider, großartig.

War in den 70ern eigentlich irgendwas besser?

Anna Schudt: Es waren sehr politische Zeiten. Schon sehr aufregend, man sah, was alles möglich war. Ich glaube, es war alles sehr lebendig. Aber ich bin froh, dass ich heute lebe.

Alwara Höfels: Ich auch.

Warum?

Anna Schudt: Diese rechtelose Frau, die möchte ich nicht sein. Die möchten wir alle nicht sein.

Frau Höfels, inwiefern haben Sie sich mit der Rolle der rebellischen Charlotte identifizieren können?

Alwara Höfels: Charlottes Haltung kann ich in jeder Hinsicht nachvollziehen.

Der Film spielt in den 70er-Jahren und skizziert praktisch auch die Entstehungsgeschichte des stern-Titels vom 6. Juni 1971: "Wir haben abgetrieben". Sie waren da beide noch nicht geboren, war er Ihnen dennoch schon vor dem Film geläufig?

Beide: Ja klar. 

rtv-Redakteur Andreas Herden mit Alwara Höfels (l.) und Anna Schudt beim Interview
Kennen Sie eine Erika Gerlach von heute?

Anna Schudt: Erika Gerlach ist ja keine laute Person. Ich glaube, ich würde sie heute gar nicht erkennen, wenn ich ihr die Hand schütteln würde. Jemand der die Welt verändern möchte, ist Charlotte. Laut, angreifend und angstfrei.

Alwara Höfels: Ich denke, dass es viele Erika Gerlachs im Verborgenen gibt. Frauen, die den Wunsch verspüren, etwas zu verändern. Ob sie das dann tun, ist dann wieder eine andere Frage.

Anna Schudt: Ich würde sagen, etwa 95% der Frauen, die damals die Frauenbewegung mitgegründet haben, heißen Erika Gerlach. Nur 5% waren laut.

Alwara Höfels: Das merkt man ja auch allein daran, was für eine Breitenwirkung dieses stern-Cover von jetzt auf gleich hatte. Wie viel dann doch im Verborgenen stattgefunden hat, was für eine Initiative damit einherging. Tausende haben auf den Straßen demonstriert.

25 Jahre bis zur Veränderung

Aber es hat dann doch rund 25 Jahre gedauert, bis der Paragraf 218 umgeschrieben wurde …

Alwara Höfels: Tja …

Anna Schudt: Die Leute um Alice Schwarzer waren ja auch jahrelang so unfassbar frustriert, dass dieser Paragraph nicht verändert wurde. Die hatten sich anderes erhofft.

Alwara Höfels: Aber es ist ja nicht nur der Bereich. Es geht dabei ja auch um Lohngleichheit, Bildung. Es gibt so viele Punkte, die wir noch nicht zu Ende gedacht haben. Deswegen ist auch dieser Film so notwendig, um Denkanstöße zu geben, die mit dem Thema Gleichberechtigung einhergehen.

Stichwort Frauen in Führungspositionen …

Alwara Höfels: Genau. In Schweden gibt es ein interessantes Modell des Jobsplittings. Zwei Frauen teilen sich eine Führungsposition. So können sie auch in der Familie tätig sein, verlieren aber nicht den beruflichen Anschluss. In diesem Zusammenhang sieht die Realität hier ganz anders aus. Da ist es meistens die Frau, die weniger arbeitet und eine Lücke im Lebenslauf hat.

Frau Schudt, "Jetzt bricht alles zusammen", sagen sie, nachdem ihr Mann mit Anzeige droht. Und Sie daraufhin, Frau Höfels, "Ne, es geht gerade erst los." Sind die Kämpferinnen von früher für Sie beide heute noch Vorbild?

Alwara Höfels: Ja, schon. Aber da finde ich die Figur der Erika noch interessanter als die der Charlotte, weil die Emanzipation aus dieser Lebenssituation heraus eine viel größere ist.

Anna Schudt: Kann ich gar nicht so sagen. Ich denke beide Frauen hören in einem unterschiedlichen Tempo auf ihre innere Stimme. Charlotte als Zweitgeborene hatte die Aufgabe von Erika nicht. Also, die Mutterfunktion und Tischdecken und schön Bravsein und alles. Für die Zweitgeborene war die Rebellion möglicher, glaube ich. Und diesen Weg hat Charlotte gnadenlos eingeschlagen.

Wer sollte sich den Film unbedingt ansehen? 

Alwara Höfels: Alle.

Anna Schudt: Alle. Vielleicht sollte man der jungen Generation das Thema aufoktroyieren. Die wissen teilweise gar nicht, dass es den Paragrafen 218 gab und gibt und was er bedeutet.

Autor: Andreas Herden

23.10.2018, 5.45 Uhr

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