Interview mit Sunnyi Melles und Sylvester Groth 

Zum Film "Kaisersturz"

"Kaisersturz" beschreibt mit den Mitteln eines Spielfilms und der Präzision einer Dokumentation die letzten Tage einer Ära. Ein Gespräch mit dem „Kaiserpaar“ Sylvester Groth und Sunnyi Melles 

Vor 100 Jahren brach in Deutschland die Monarchie zusammen. Kaiser Wilhelm II. dankte ab, die Republik wurde ausgerufen. "Kaisersturz", ein Dokudrama mit Spielfilm-Charakter, schildert die Ereignisse vom September bis zum 9. November des Jahres 1918 anhand von Hauptakteuren gegensätzlicher Lager: Wilhelm II., Friedrich Ebert, Max von Baden. Wir trafen die Hauptdarsteller Sylvester Groth und Sunnyi Melles zum Interview.  

Wow, jetzt sitze ich dem Kaiserpaar gegenüber …

S. Groth: Was ist denn sein Anliegen? 

S. Melles: Er wünscht? (allgemeines Gelächter)

Wie viele Geschichtsbücher haben Sie vor den Dreharbeiten wälzen müssen?

S. Groth: Wenige. Ich lese das Drehbuch und das sollte erstmal reichen. Dazu nehme ich meine Allgemeinbildung, obwohl die in diesem Falle sehr dünn war. Ich dachte, ich wüsste sehr viel über diesen Menschen und seine Zeit, aber ich wusste ganz wenig, wie ich in den vorbereitenden Gesprächen mit Prof. Machtan und dem Regisseur Christoph Röhl feststellte. 

Was hat Sie denn an Wilhelm II. überrascht?

S. Groth: Dass er so ein moderner Mensch war. Sehr technikaffin. Er war, glaube ich, kein dummer Mensch, eher ein beschädigter Mensch.

Wenn man sich in eine historische Persönlichkeit hineinversetzen will, wie und wo fängt man da an?

S. Groth: Beim Äußerlichen. Das Kostüm und die Maske sind sehr wichtig. Das hilft enorm. Die Haltung verändert sich und die Sprache – bestimmte Sachen gehen dann nicht mehr. 

"Ich wurde regelrecht eingenäht"

Wie lange hat die Verwandlung zu Kaiserin Auguste Victoria und Kaiser Wilhelm II. in Maske und Garderobe gedauert?

S. Groth: Ach, das ging eigentlich immer ganz schnell. Beim Ankleiden musste allerdings immer jemand helfen.

S. Melles: Jede Szene war für die Kaiserin ein neuer Anlass. So viel Geld hatten wir nicht, dass immer ein neues Kleid geschneidert werden konnte. Aber mit viel Liebe und Schneiderhandwerk haben es Kostümbilder Sacha Jordan und ich gemeinsam geschafft, dass ich majestätisch korrekt gekleidet war!  Ich wurde regelrecht eingenäht, das war fantastisch!!

Ist es historisch verbürgt, dass Wilhelm so viel geraucht hat?

S. Groth: Ja, der war Kettenraucher, der hat immer und überall geraucht. Die Leute haben sich ja aufgeregt, dass es immer so stinkt, wenn er kommt und sie Asche auf der Kleidung hatten, wenn er wieder ging. Der hat sogar auf dem Pferd geraucht. Auf dem Pferd! Wenn da Glut runterfällt… dann bist du tot! Das war ihm egal.

Wie leicht oder schwer ist Ihnen bei den Dreharbeiten die Raucherei gefallen?

S. Groth. Och, ich rauche ab und zu ganz gern mal. Aber ich durfte ja als Kaiser gar nicht überall, weil wir in diesen historischen Gebäuden gedreht haben. In Potsdam und Kassel Wilhelmshöhe …

S. Melles: Wir sind die ersten, die im Potsdamer Schloss, auf der Wilhelmshöhe und in der Schlosskapelle drehen durften. Mir war manchmal so kalt ums Herz, dass es einem durch Mark und Bein gegangen ist. Dieser Dreh, diese Geschichte "Kaisersturz" hat mich sehr bewegt. Wir verkörperten ja ein Kaiserpaar in schwierigen Zeiten !

rtv-Redakteur Andreas Herden (l.) mit Sunnyi Melles und Sylvester Groth im Gespräch
Hat sich im Laufe der Dreharbeiten Ihre Einstellung zum Kaiserpaar irgendwie geändert?

S. Melles: Es hat sich also eine so wahrhaftige und auf eine wissenschaftlich, historische  und persönliche Einstellung erst entwickelt, aber hauptsächlich durch Prof. Lothar Machtan, der das Drehbuch und das Buch "Kaisersturz" geschrieben hatte.

Professor Machtan, der Historiker, Co-Autor und historische Berater des Films, hat von einer "Inszenierung aus dokumentarischen Wurzeln" gesprochen. Ist diese Form des Dokudramas die beste Art, den Menschen geschichtliche Zusammenhänge näher zu bringen?

S. Groth: Dokudrama, das ist so ein seltsames Wort. Das stimmt als Bezeichnung bei unserem Film so nicht. Beim Dokudrama wird bebildert, was eh nochmal erzählt wird. Da erwartet man irgendwas Belehrendes oder schlecht geschminkte Schauspieler in schlechtsitzenden Kostümen. "Kaisersturz" ist ein toller Spielfilm auf historisch präziser Grundlage.

S. Melles: Unser Regisseur Christoph Röhl und Prof. Lothar Machtan und wir alle haben etwas ganz Neues mit diesem Film geschaffen, einen Meilenstein für das ZDF-Dokudrama! Wichtig, so einen Film in allen Schulen der Welt zu zeigen, dies wäre mein persönlichstes Anliegen!

Die Frage ist doch: Was will der Film?

S. Groth: Der will was erzählen über die Zeit und die Figuren, die uns nicht so präsent sind. Deren Situation aber mit uns vielleicht eine ganze Menge zu tun hat.

"Das deutsche Volk ist eine Schweinebande." Sagt der Kaiser am Ende. Ein historisch verbürgter Satz?

S. Groth: Ein interessanter Satz, nicht wahr? Und er beschreibt sehr schön das Verhältnis von Macht und Volk , wenn die Macht am Ende ist. Und ja, er ist historisch verbürgt. Wilhelm hat ihn sogar aufgeschrieben.

23.10.2018, 5.45 Uhr

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