Interview mit Friederike Becht und Wotan Wilke-Möhring

Zur Serie "Parfum"

2018 war die Serie "Parfum" bereits auf ZDFneo zu sehen. 2019 folgt die Ausstrahlung im ZDF. Wir haben mit Wotan Wilke-Möhring und Friederike Becht gesprochen.

"Hat das noch Relevanz"?

Frau Becht, Herr Wilke Möhring, haben Sie "Das Parfum" von Patrick Süskind gelesen?

Wotan Wilke-Möhring: Ich nicht. War mir zu dick (lacht).

Friederike Becht: Wir haben das in der Schule durchgenommen. Ihr nicht?

Wotan Wilke-Möhring: Nee, Dürrenmatt, Hesse und so. Aber an "Das Parfum" kann ich mich nicht erinnern.

Wie taucht Süskinds Buch in der Serie auf?

Friederike Becht: Es ist ein Initialzünder für Jugendliche, die das Buch lesen. Für sie ist es der Anlass, mit Düften zu experimentieren, herauszufinden, ob man mit Düften etwas erreichen kann. Das ist das, was vom Buch übrigbleibt. Ansonsten würde ich jedem empfehlen, unsere Miniserie frei anzusehen und das Buch außer Acht zu lassen und Herrn Süskind auch, weil das etwas ganz eigenes ist.

Wotan Wilke-Möhring: Das Buch ist überhaupt keine Voraussetzung dafür, die Serie zu verstehen. Wie in dem Buch wird aber dasselbe Ziel verfolgt: nämlich eine Essenz zu finden, mit der man Liebe nehmen und geben, den Menschen manipulieren kann. Das ist das Zeitlose, das Moderne an diesem Thema: Wir wollen doch alle geliebt oder "geliket" werden.

Welche Rolle spielen Düfte, Gerüche in Ihrem Leben?

Wotan Wilke-Möhring: Ich glaube, dass sich dem keiner entziehen kann. Der Geruch sortiert für uns, wo wir hingehören, zu wem wir uns hingezogen fühlen. Die Entscheidung für Sympathie oder Antipathie fällt der Geruch. Es ist die Frage, ob wir jemanden riechen können oder nicht.

Nicht das Aussehen?

Wotan Wilke-Möhring: Ganz sicher nicht. Um mal auf die Beziehungsebene zu kommen: Selbst wenn sich jemand beim ersten Treffen mit Parfum verstellt, entscheiden wir, ob wir zusammenbleiben, wenn wir diese Schallmauer des Parfums durchbrochen haben und beim echten, eigenen Körpergeruch angekommen sind.

Friederike Becht: Wenn man mich vor dem Projekt gefragt hätte, auf welchen Sinn ich am ehesten verzichten würde, hätte ich Geruch gesagt. Jetzt würde ich das nicht mehr unterschreiben, weil einem dann so viel fehlt. Stellen Sie sich vor, Sie können die Blumenwiese nicht mehr riechen oder den Kaffee…

Wotan Wilke-Möhring: … oder man weiß nicht, ob der Nebel am Boden einfach nur Bodennebel ist oder Qualm, weil das Haus brennt.

Sie scheinen sich irgendwie schon vor dem Projekt mit Geruch beschäftigt zu haben…

Wotan Wilke-Möhring: … vor allem mit dem Projekt. Man hat sich beim Lesen des Drehbuchs schon gefragt, was bedeutet denn Geruch für uns heute? Hat das noch irgendeine Relevanz?

Friederike Becht: Ich habe mich mit der Arbeit an der Serie intensiver mit dem Thema beschäftigt, auch mit Geruchs-Professoren unterhalten und die Frage gestellt: Was macht es mit Menschen, die nicht riechen können? Was fehlt dann? Man macht sich über den Geruchssinn so wenig Gedanken, aber er ist ausschlaggebend für so vieles. Emotionalität und Erinnerungen. Da hängt so viel dran. Ich weiß jetzt noch, wie es bei meiner Oma gerochen hat.

Wotan Wilke-Möhring: Genau. Es hat sehr viel mit Erinnerung zu tun. Diese Erinnerung wäre weg, wenn der Geruchssinn fehlen würde.

Gibt es den perfekten Duft?

Wotan Wilke-Möhring: Perfekten Duft für was? Oder für wen? Die Frage muss erlaubt sein. Sonst gibt’s den nicht.

Friederike Becht: Das ist sehr individuell.

Wotan Wilke-Möhring: Die individuellste Wahrnehmung überhaupt. Mein Lieblingsgeruch sind die Häupter meiner Kinder. Wenn ich die rieche, dann weiß ich, das sie da sind. Und das ist gut.

Erst lief die Serie bei ZDFneo, dann wird sie im ZDF gezeigt. Ist "Parfum" überhaupt für eine ältere Zielgruppe geeignet?

Wotan Wilke-Möhring: Auf jeden Fall. Sich visuell mit einem anderen Sinn zu beschäftigen, in einer Crime-Story, die die Möglichkeit hat, allen Charakteren gerecht zu werden und auch in die Tiefe zu gehen, das ist sehr spannend. Es wird ja nicht viel geschlachtet oder so, das meiste findet ja im Kopf statt, das ist wie bei einem guten Buch. Das ist das, was den Zuschauer wahrscheinlich am meisten mitnimmt, was sich er selbst zu Ende denkt.

Friederike Becht: Was man als Zuschauer sicher mitbringen muss, um dranzubleiben, ist der Wille, sich damit auseinanderzusetzen, dass es nicht gerade um die schöne, heile Welt geht, sondern um die Welt, oder Teile in uns, die man lieber verschweigt.

Wie geht’s denn dem Zuschauer, der sich die Serie sechs Stunden lang angeschaut hat?

Friederike Becht: Oh Gott, das weiß ich nicht. (lacht)

Wotan Wilke-Möhring: Ich glaube, dass man schon erst mal sprachlos ist, abgekämpft, weil man sich vielleicht fragt, wo man sich selber sieht. Wer von denen könnte ich sein? Man kann die Serie nicht störungsfrei konsumieren.

Nicht störungsfrei?

Wotan Wilke-Möhring: Ich glaube, dass sie Irritationen hinterlässt. Egal ob positiv oder negativ, aber nicht störungsfrei.
Friederike Becht: Glaube ich auch. Man müsste das wohl erstmal sacken lassen.

Gibt es in der Serie eigentlich die Guten und die Bösen?

Friederike Becht: Nein.

Wotan Wilke-Möhring: Auf dem Papier ja. Es gibt natürlich die Ermittlerseite, die offiziell eigentlich die Guten sind. Aber das ist ja das Schöne an der Serie, dass wir die Möglichkeit haben zu zeigen, dass man als Ermittler auf Augenhöhe mit denen sein musst, die man zur Strecke bringen will.

Interview: Andreas Herden

1.1.2019, 6.00 Uhr

Interview empfehlen