Interview mit Gudrun Landgrebe

Wie aus Hetzparolen Massenhysterie werden kann: rtv-Gespräch mit Gudrun Landgrebe zur witzigen, wichtigen Politsatire "In bester Verfassung"

Gudrun Landgrebe: "Der erste Ausdruck von Aggression hat ganz viele Follower".

"Und alle brüllen mit ..."

Eigentlich wollten die Verfassungsschutzmitarbeiter Mechthild und Paul nur ihre Jobs im beschaulichen Niederlützel retten. Doch ein von ihnen inszeniertes "islamistisches" Attentat entfacht ein nicht mehr aufzuhaltendes Feuer aus Hass, Hetze und Gewalt. rtv hat mit Gudrun Landgrebe, die Mechthild spielt, über den Film und die Wirklichkeit gesprochen.

Sie spielen eine Beamtin des Verfassungsschutzes, die zu Beginn der Serie ein "islamistisches" Attentat inszeniert, um ihren Job zu retten. Was waren Ihre ersten Gedanken zu Drehbuch und Rolle?

Gudrun Landgrebe: Das Drehbuch hat mich vom ersten Moment an absolut fasziniert. Es behandelt eine brisante Thematik – Rassismus und Rechtspopulismus –, die in dieser Erzählweise tatsächlich auf die Spitze getrieben wird. Ein Balanceakt zwischen Komik und Gesellschaftskritik.

Mechthild Dombrowski ist die Ruhe in Person, selbst im Angesicht gleich zweier Bomben. Was ist das für ein Mensch?

Gudrun Landgrebe: Ich hatte es zum Glück noch nicht mit einer echten Bombe zu tun. (lacht) Dombrowski ist dreist, handelt völlig unangepasst und unüberlegt. Sie verweigert sich und ist nicht bereit, sich zwei Jahre vor der Rente nach "fucking" Rostock versetzen zu lassen. Lieber pflegt sie ihre Feierabendmentalität und versucht mit illegalen Mitteln, ihren Status zu halten.

Im Film agieren viele Nachwuchsschauspieler. Wie war die Arbeit mit ihnen?

Gudrun Landgrebe: Die jungen Darsteller, die ja sogar teilweise Youtuber waren, haben exzellent auf mich gewirkt. Wir haben wahnsinnig gerne miteinander gearbeitet, und ihnen hat an dieser Stelle eine Schauspielausbildung überhaupt nicht gefehlt.

In der Serie geht die Stimmung im Dorf schnell in eine aggressive Richtung – Bilder, die leider in den letzten Jahren, so scheint es, häufiger werden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Gudrun Landgrebe: Dieses Enthemmtsein und diese rücksichtslose Art, aggressiv gegen andere vorzugehen, das hat tatsächlich in den letzten Jahren zugenommen – Menschen, die einfach von der Rolltreppe gestoßen werden, die wahllos angeschrien werden. Bei "In bester Verfassung" zeigt sich, dass der erste Ausdruck von Aggression ganz viele Follower hat. Es entwickelt sich in diesem dörflichen Mikrokosmos eine gemeinschaftliche Hetze gegen den an sich vollkommen integrierten Dönerbudenbetreiber. Jeder für sich würde sich vermutlich gar nicht in dem Maß entgrenzen. Der Bürgermeister schwenkt sein Fähnchen, wie es ihm gerade passt. Er brüllt seine Hetzparolen, und alle brüllen mit, bis es zu dieser unkontrollierten, rassistischen Massenhysterie kommt.

Wie wichtig ist es, Rassismus, Hetze und Fremdenfeindlichkeit auch mit den filmischen Mitteln der Satire zu begegnen?

Gudrun Landgrebe: Es ist in jeder Weise wichtig, diese Themen darzustellen. Nicht ausschließlich überspitzt in einer Politsatire, sondern ebenso in Form von Features, Dokumentationen oder Dramen.

rtv-Interview: Katharina Montada

6.6.2019, 12.38 Uhr

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