Krimi-Check: So war der "Tatort: Stau" am Sonntag

Entschleunigung

In Stuttgart steht wegen eines Staus die Zeit still. Lannert und Bootz ermitteln in ihrem 20. Fall zu Fuß. Ein Krimi wie eine Achtsamkeitsübung

Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) ermitteln diesmal in einem Stau auf der Stuttgarter Weinsteige, hoch über der Stadt

Alles steht still

Darum geht's:

Feierabendzeit an einem Herbsttag in Stuttgart. Ein Mädchen liegt tot am Fahrbahnrand. Handelt es sich um einen Unfall mit Fahrerflucht? Es gibt einen Augenzeugen. Doch der ist erst drei Jahre alt.

Die einzige Straße vom Tatort weg führt geradewegs in einen Stau auf der Weinsteige, hoch über der Stadt. Totalsperre wegen eines Wasserschadens. Die Stimmung unter den Pendlern ist entsprechend gereizt. Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) bleibt nicht viel Zeit: Sobald der Stau sich auflöst, ist der Täter weg. Und wird ungeschoren davonkommen.

Die Kommissare ...

... ermitteln notgedrungen zu Fuß und per Fahrrad. Jeder auf sich allein gestellt.

Denn wegen des Staus kommen erstmal weder Spurensicherung noch die Kinderpsychologin, die den kleinen Zeugen befragen soll, zum Tatort durch.

Realitäts-Check:

Dietrich Brüggemann (Buch/zusammen mit Daniel Bickermann, Regie, Filmmusik) über die Idee zum "Tatort: Stau": "Es war im Herbst 2013. Wir drehten "Kreuzweg" im Stuttgarter Raum. Eines Abends holten wir Hanns Zischler vom Flughafen ab - und standen geschlagene zwei Stunden auf der Weinsteige, mit herrlichem Blick über die nächtliche Stadt, ziemlich genau an der Stelle, die wir jetzt im Film erzählen". Originelle Idee, realitätsnah umgesetzt: Vor dem Zuschauer entfaltet sich ein bunter Querschnitt städtischer Bevölkerung, so wie ihn jeder kennt. Dietrich Brüggemann: "So ein Stau ist eine Art dramaturgischer Dampfkochtopf - man macht den Deckel drauf und stellt ihn aufs Feuer. Der Rest passiert von selbst."

Entschleunigung, bitte!

Einschalten oder abschalten?

Kein Krimi, bei dem man in atemloser Spannung die Finger wahlweise ins Sofakissen oder in die Erdnüsse krallt. Eher einer für Dinkelkekse und Kräutertee. Das wird schon in den ersten Minuten klar. Bevor der Folgentitel eingeblendet wird, gibt es diesmal nicht den obligatorischen Mord, sondern ein Plädoyer für Entschleunigung. Vorgetragen von einer schwäbelnden Kita-Erzieherin.

Die Jagd nach dem Mörder verläuft nicht nur deshalb mit gedrosseltem Tempo, weil um den Tatort herum der Verkehr stillsteht. Drehbuchautor und Regisseur Dietrich Brüggemann konzentriert sich ganz auf seine Figuren, allesamt hervorragend besetzt: Amelie Kiefer als alleinerziehende Mutter, Rüdiger Vogler als Wutbürger. Jacob Matschenz wird als Chauffeur von einer Top-Managerin (rtv-Titelstar Sanam Afrashteh) drangsaliert, Tina Klingelhöfer (Susanne Wuest) von ihrer kleinen Tochter (Anastasia Clara Zander) auf dem Rücksitz.

Es sind viele kleine Lebensläufe und Geschichten, die sich zu einem Puzzle zusammenfügen. Ein Puzzle, das durch viele Details beeindruckt. Zum Beispiel die Musik: Gleich am Anfang werden die verschiedenen Autofahrer durch die Songs charakterisiert, die sie im Wagen hören. Die Auflösung des Falls ist auf unspektakuläre Weise tragisch. Oder auch auf tragische Weise unspektakulär. Und trägt die Botschaft des Filmanfangs in sich: Wir müssen entschleunigen! Also: Zurücklehnen, entspannen, einschalten!

Wie brutal ist der "Tatort" aus Stuttgart?

Autor: Stefanie Moissl

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