Interview mit Liv Lisa Fries

Zum Free-TV-Start von "Babylon Berlin"

Krimi, History, Thriller. "Babylon Berlin" überzeugt Zuschauer und Kritiker. Wir haben mit Liv Lisa Fries gesprochen.

Eigensinnige Charakterfrau – vor und abseits der Kamera

Wir haben mit rtv-Titelstar Liv Lisa Fries über Tanzunterricht, Champagner am Set und ihre Rolle der Lotte in der Erfolgsserie "Babylon Berlin" gesprochen. Die Serie gilt als teuerste deutsche Produktion aller Zeiten. Goldene Kamera, Deutscher Fernsehpreis, Grimme-Preis, Romy ... Die Liste der Auszeichnungen, die "Babylon Berlin" schon eingeheimst hat, ist lang. Die einzigartige Koproduktion von ARD und Sky lief 2017 bereits im Pay-TV, nun in der ARD. Namhafte Darsteller sind mindestens genau so prominent vertreten wie aufwendige Szenenbilder und Kostüme: Volker Bruch, Liv Lisa Fries, Peter Kurth, Lars Eidinger, Benno Fürmann, Leonie Benesch ... Auf Sky hat das Ensemble, das von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries dirigiert wird, bereits zwei Millionen Zuschauer begeistert. Noch bevor die ersten beiden Staffeln im Free-TV gelaufen sind, haben die Verantwortlichen von ARD und Sky Staffel 3 und 4 geordert, Drehstart noch 2018. 

"Im besten Sinne ehrgeizig"

Erzählen Sie doch mal: Worauf können sich die Zuschauer in "Babylon Berlin" freuen und warum darf man die Serie auf gar keinen Fall verpassen?

Liv Lisa Fries: Die Zuschauer können sich auf großartige Szenenbilder, auf ganz tolle Schauspieler und sehr komplexe, verwobene Geschichten freuen. Es treten viele Figuren auf, man muss also wachsam sein, aber das Ganze zieht einen so in den Bann, dass man peu à peu alles versteht. Man muss es sich einfach anschauen! 

Sie spielen in "Babylon Berlin" Lotte, die im Laufe der Serie immer mehr Seiten von sich offenbart. Das Mädel mit der Berliner Schnauze aus der Arbeiterschicht, die neugierige und emanzipierte Frau, die unbedingt in der Mordkommission arbeiten will und auch die geheimnisvolle Verführerin, die sich prostituiert und sich abends in diversen Etablissements herumtreibt. Wie bereitet man sich auf so eine komplexe Rolle vor?

L. L. F.: Ich habe für die Rolle wahnsinnig viel gemacht. Zunächst habe ich mich natürlich erstmal mit der Zeit beschäftigt. In Berlin war ich in einer Ausstellung über die 20er Jahre, die von der Architektur über die Mode bis hin zu echten Düften die Zeit minutiös zerlegt hat. Dann habe ich Romane gelesen, Filme geschaut und hatte Tanzunterricht. Das sind so die Dinge, die dir helfen herauszufinden, in welcher Zeit sich dieser Mensch, den man verkörpert, bewegt. Aus den Drehbüchern habe ich dann herausgefunden, wie sie als Person ist. Zu ihrer kleinen Schwester ist sie sehr wohlwollend, wenn sie sich prostituiert aufopfernd und stellt sich persönlich hinten an. Außerdem finde ich, dass sie im besten Sinne ehrgeizig ist. Ich glaube, dass Charlotte nach irgendeiner Form von Wahrheit sucht, vielleicht unbewusst. Aber irgendetwas davon findet sie im Kommissariat. Diese Stränge versucht man dann irgendwie zusammenzubringen und auch mit den Vorstellungen der Drehbuchautoren Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries abzugleichen. Klar, Volker Kutscher hat mit seinem Roman die Vorlage geschaffen, aber Charlotte Ritter ist in unserer Serie doch auch anders als im Roman.

Sie hat auch einen anderen Namen bekommen, oder?

L. L. F.: Genau, bei ihm war sie Charly und bei uns dann eben Charlotte oder Lotte. Sie ist wie eine moderne Frau, die in diese Zeit hineingesetzt wurde und gleichzeitig gab es ja auch die Anfänge der Emanzipation. Es ist wirklich ein großes Potpourri von Dingen, mit dem ich mich auseinandergesetzt habe, um mich wirklich in diese Figur einzufühlen. Ich habe irgendwie eine große Nähe zu ihr, sie ist mir nicht so unähnlich.

Inwiefern?

L. L. F.: Sie ist auch sehr gerade heraus und ehrlich. Das liegt mir auch nahe. Allerdings ist sie ein wenig exzentrischer und exaltierter. Sie redet einfach gerade heraus. Ich bin manchmal eher nachdenklicher. Ihre Art hat mich aber persönlich inspiriert.

Sie haben ja auch immer wieder Tanzszenen, war das eine Herausforderung für Sie? Dieser Tanzstil der 20er Jahre ist ja heute nicht mehr so geläufig.

L. L. F.: Das stimmt. Ich tanze sehr gerne, aber ich bin keine Tänzerin, demnach war das für mich auch körperlich anstrengend. Wir hatten eine tolle Tanzlehrerin und Charleston finde ich wahnsinnig spannend. Ich erinnere mich noch, als mir Henk Handloegten das erste Mal Videos gezeigt hat, wie wir tanzen sollen, da dachte ich mir "Um Gottes Willen, das schaff ich doch nie!". Es ist ein sehr schneller Tanz mit anspruchsvoller Fußtechnik, aber mittlerweile habe ich ihn wirklich im Blut. Wenn ich jetzt selbst tanze, dann kommt dieser Schritt öfter mal zum Vorschein.

In der Serie sprechen Sie mit Berliner Akzent, für Sie als gebürtige Berlinerin ein Kinderspiel oder mussten Sie trainieren?

L. L. F.: Nö, das ging eigentlich ganz gut. Manchmal musste ich die Texte ein bisschen umschreiben. Da muss man sehr aufmerksam sein, Dialekt ist wirklich schwieriger als man denkt, weil er natürlich von einer gewissen Spontanität lebt. Wenn es nicht natürlich ist, dann fliegt das sofort auf. 

Echtes Mammutprojekt

"Babylon Berlin" ist eine sehr teure Produktion, wie unterscheidet sich das Arbeiten am Set dort von weniger kostspieligen Produktionen? 

L. L. F.: Das kommt drauf an. Also man hat natürlich einen Trailer… (lacht). Das gibt es nicht immer. Aber grundsätzlich war das jetzt nicht so, dass es an allen Ecken und Enden Champagner am Set gab oder sowas. Die Serie spielt in den 20er Jahren, daher sind die Kosten für Kostüme und das Szenenbild natürlich höher als bei einem modernen Kammerspiel. Außerdem gibt es für jede Angelegenheit am Set einen Ansprechpartner und die Verantwortlichen machen ihren Job mit einer unglaublichen Leidenschaft und Kreativität. Es ist toll zu sehen, dass jeder seinen Beruf da schöpferisch ausleben kann. Der Aufwand und die Länge sind natürlich etwas ganz anderes, ein echtes Mammutprojekt. 

Stichwort Mammutprojekt. Es werden ja jetzt weitere Staffeln gedreht, was machen Sie neben "Babylon Berlin" jetzt noch, was ist da bei Ihnen in Planung?

L. L. F.: Letztes Jahr habe ich eine amerikanische Serie gedreht, "Counterpart", mit J. K. Simmons in der Hauptrolle, die läuft in Amerika momentan ziemlich erfolgreich. Die wird fortgesetzt. In einem Kinofilm mit Louis Hofmann, der dieses Jahr internationale Premiere hat, habe ich eine Gesangsstudentin gespielt.

"Babylon Berlin" ist ja viel gefeiert und hoch gelobt, war in Deutschland bisher aber nur einem kleineren Publikumskreis, den Pay-TV-Zuschauern, zugänglich …

L. L. F.: Ich bin doch immer wieder erstaunt, wie viele die Serie bisher schon gesehen haben. Ich werde jetzt auch immer mal auf der Straße erkannt. Ein paar haben es schon gesehen… zwei Millionen… und nun werden es ja hoffentlich noch ein paar mehr Zuschauer in der ARD... 

Was hat sich durch die Serie für Sie persönlich und für Sie als Schauspielerin verändert, abgesehen davon, dass Sie auf der Straße erkannt werden?

L. L. F.: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht ein gewisses Selbstverständnis. Es gab so viel positive Kritik und ich habe das Gefühl, es gefällt den Leuten, was man da so lange erarbeitet hat. Das ist für mich auf jeden Fall ein schönes Gefühl. Es hat sich jetzt auch eine gewisse Sicherheit eingestellt, ich weiß, dass ich diese Serie weiterdrehe, kann mal in Urlaub fahren oder das ein oder andere Projekt absagen. Dadurch, dass ich kein Theater spiele, habe ich diese Regelmäßigkeit sonst nicht. 

Würden Sie denn gerne mal Theater spielen? 

L. L. F.: In Hamburg habe ich mal ein Stück gemacht. Das war ganz schön, also grundsätzlich bin ich dem gegenüber aufgeschlossen. Es ist aber etwas komplett Anderes.

Wie kann man sich das vorstellen?

L. L. F.: Was mir am Film mehr gefällt ist, dass man sehr klein und realistisch bleiben muss. Wenn ich vor der Kamera weine, dann sieht das jeder. Im Theater sieht das derjenige in Reihe 18 wahrscheinlich nicht mehr, dort muss man das dann anders umsetzen, was auch spannend sein kann. Ich bin aber momentan glücklich beim Film und am Ende merke ich immer wieder, dass dieser Beruf ganz viel von dem vereint was mich körperlich und geistig erfüllt.

Interview: Katharina Montada
 

28.9.2018, 15.10 Uhr

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