Krimi-Check: So wird der „Tatort: Der Mann, der lügt“

"Das Gesicht der Lüge erforschen"

Zum 10-jährigen Dienstjubiläum von Lannert & Bootz: Der "Tatort: Der Mann der lügt" ist aus ungewöhnlicher Perspektive erzählt – der des Verdächtigen.

Darum geht’s:

Reine Routine, die die Stuttgarter Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) im Mordfall eines Anlageberaters zu Familienvater Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) führt. Sie wollen wissen, warum sein Name im Terminkalender des Ermordeten stand. Ein Irrtum, antwortet Jakob, er sei keineswegs mit dem Opfer verabredet gewesen. Und glaubt, die Sache sei damit erledigt. Doch die Kommissare kommen wieder. Und wieder. Und wieder. Bei jeder Befragung decken sie neue Unstimmigkeiten auf. Und die Schlinge um Jakobs Hals zieht sich immer fester zu. Da hilft es auch nicht, dass er versucht, Spuren zu beseitigen. Im Gegenteil …

 

Die Kommissare: …

… sind diesmal nicht die Prota- sondern die Antagonisten. Was sie wissen, ahnt der Zuschauer nur. Jedenfalls versichern sie dem Verdächtigen immer wieder "Wir spielen keine Spielchen mit Ihnen!". Überhaupt geben sich Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) erstaunlich freundlich. Eine Taktik, die aufgeht. Und die eng an die Wirklichkeit angelehnt ist. Auch das macht den Reiz dieses Krimis aus.

Die "Tatort"-Macher arbeiteten mit einem Fachberater der Polizei zusammen. Regisseur Martin Eigler, der auch mit Sönke Lars Neuwöhner das Drehbuch schrieb:

"Was bei der Beschäftigung mit realen Verhörsituationen fasziniert, ist, wie unspektakulär, höflich und präzise der Verdächtige befragt oder der Beschuldigte auseinandergenommen wird. Das geht mit winzigen Schritten voran, begleitet von kaum durchschaubaren Strategien, zu denen es eher selten gehört, auf den Tisch zu schlagen und zu fordern: ,Gestehen Sie endlich!‘"

 

Einschalten oder abschalten

Nein, ein Krimi-Experiment ist es nicht, was die Schwaben zum 10-jährigen Jubiläum abliefern. Dennoch ist der "Der Mann, der lügt" erzählerisch ungewöhnlicher und eindringlicher, als beispielsweise die "Tatort: Blut"-Orgie mit einer "Vampirin".

Drehbuchautor Sönke Lars Neuwöhner:

"Wir trugen uns schon länger mit der Idee, einen sozusagen umgekehrten ,Tatort‘ zu erzählen. Über einen Menschen, der ein scheinbar normales Leben führt und mit dem man sich identifizieren kann, bricht plötzlich die Katastrophe herein. Und diese Katastrophe sind unsere bekannten und beliebten Kommissare. Sie umschleichen ihn, sie misstrauen ihm. Uns hat interessiert, wie es sich anfühlt, wenn alles, was man sagt, gegen einen ausgelegt werden kann. Wir wollten das Gesicht der Lüge erforschen."

Dass das so eindrucksvoll gelingt, ist auch das Verdienst von Schauspieler Manuel Rubey als verdächtiger Familienvater. Der Wiener legte 2008 als Kultmusiker Falco ein furioses Filmdebüt hin. Aber die wenigsten TV-Zuschauer haben ihn auf dem Schirm. Bis jetzt. Preisverdächtig, wie er der Lüge im wahrsten Sinne des Wortes "ein Gesicht" gibt. Mit jeder Befragung wird sein Blick unsicherer, die Mimik angespannter. Der Mann fällt förmlich in sich zusammen. So wie sein ganzes Leben.

Der Spannung tut die Konzentration auf eine einzige Figur keinen Abbruch. Denn was Jakob tatsächlich mit dem Mord an dem Anlageberater zu tun hat, wird erst am Ende offenbart. Ein virtuos gemachter "Tatort", der ohne Schauwerte auskommt und dem Zuschauer trotzdem unter die Haut geht. Einschalten!

Erstausstrahlung: 4.11.2018, Das Erste

 

Wie brutal ist der "Tatort: Mann, der lügt"?

Autor: Stefanie Moissl

2.11.2018, 17.20 Uhr

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