Krimi-Check: So ist der "Polizeiruf 110: Für Janina"

Wenn das Gesetz vor Strafe schützt…

… ist das nicht nur für die Rostocker Ermittler Bukow und König, sondern auch für die Zuschauer ein Aufreger. "Polizeiruf 110: Für Janina" läuft in der Themenwoche "Gerechtigkeit".

Darum geht’s:

Zu DDR-Zeiten wurde eine junge Frau in Rostock vergewaltigt und erwürgt. Janina – die Tochter einer Kollegin von Röder (Uwe Preuss), dem Chef von Bukow (Charlie Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau). Röder konnte auch einen Tatverdächtigen ermitteln: Guido Wachs (Peter Trabner), heute ein braver Familienvater. Dieser wurde jedoch aufgrund eines fehlerhaften Gutachtens freigesprochen. Als die Mutter des Mädchens die Ermittler anfleht, endlich den Täter zu finden, rollen sie den Fall neu auf. Katrin ist sicher: Guido Wachs hat Janina 1988 vergewaltigt und ermordet. Um das zu beweisen, überschreitet sie eine Grenze nach der anderen.

 

Die Kommissare:

… gehen einander an die Kehle. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Beinahe kommt es zur Schlägerei. Da hat sich einiges angestaut …

 

Realitäts-Check:

Die Krimimacher erzählen zwar eine völlig fiktive Geschichte. Die Idee dazu lieferte der wahre Fall der Frederike von Möhlmann. Anika Wangard, die mit Eoin Moore das Drehbuch zum "Polizeiruf 110: Für Janina" schrieb im ARD-Interview:

"Wir hatten davor noch nie etwas von diesem § 362 der Strafprozessordnung (StPO) gehört, nach dem niemand ein zweites Mal wegen desselben Deliktes vor Gericht gestellt werden darf, und das muss man ja auch erst mal verstehen. Welchen Sinn dieses Gesetz eigentlich hat, nämlich den Schutz von Unschuldigen, und wie es in diesem Fall zu diesen unglücklichen Umständen kommt."

 

Zu Wort kommt in der Presse-Info zum Film auch ein Jurist: Dr. Wolfram Schädler, Rechtsanwalt und Bundesanwalt a.D., Anwalt von Hans von Möhlmann, Vater von Frederike:

"Dieser Paragraph (§ 362 stopp, Anm. d. Red.) wurde nach den Erfahrungen, die mit der nationalsozialistischen Diktatur gemacht worden sind, ins Grundgesetz aufgenommen. Der Gesetzgeber wollte damit verhindern, dass uferlos jedes Urteil einfach kassiert wird, wenn es dem Staat nicht passt, wie es in der NS-Diktatur der Fall gewesen ist ... Das heißt nicht, dass es immer so bleiben muss, wie es jetzt im Gesetz steht. Das hat 1981 auch das Bundesverfassungsgericht gesagt. Wenn sich später neuere Entwicklungen ergaben, wie es in einer Entscheidung heißt, kann der Gesetzgeber das auch ändern. Nur der Kern des Grundsatzes, dass niemand zweimal wegen derselben Sache bestraft werden kann, muss unangetastet bleiben. Wenn es aber neue Beweismittel wie DNA gibt, die nach einem klaren, rechtstaatlichen Wiederaufnahmeverfahren als Beweismittel anerkannt sind und die Schuld des Täters äußerst wahrscheinlich machen, sollte der § 362 meiner Meinung nach so erweitert werden, dass man diese Mittel bei schwersten Delikten wie Mord und Völkermord als Möglichkeit anerkennt, das Verfahren wiederaufzunehmen…"

 

Und über die Chancen für eine Reform:

"Im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung steht, dass die Wiederaufnahmemöglichkeiten zuungunsten des freigesprochenen Angeklagten in Bezug auf die nicht verjährbaren Straftaten erweitert werden. Das ist keine bloße Absichtserklärung, sondern das steht da als verbindliches Ziel. Insofern glaube ich daran. Jetzt oder nie!"

 

Einschalten oder abschalten:

Nicht umsonst wird das Rostock von "Polizeiruf 110"-Head-Autor Eoin Moore als "neues Duisburg" und Ermittlerfigur Bukow, von Charlie Hübner grandios zerknautscht gespielt, oft als Schimanski-Verschnitt bezeichnet. Diesmal freilich tragen Moore und Co-Autorin Anika Wangard arg dick auf: Es herrscht Krieg zwischen Bukow und König. Krieg zwischen Recht und Gerechtigkeit.

Und während sich Choleriker Bukow wütend durch 90 Minuten Krimi schnaubt, bekommt die bislang weiße Weste von Kollegin König einen schwarzen Flecken nach dem anderen. Dennoch: Ein höchst unterhaltsames und nervenaufreibendes Gegenprogramm zu den üblichen Sonntagabend-Ermittlungen im Ersten, das Diskussionen auslösen dürfte. Ausnahmsweise mal nicht über den Sinn von Krimi-Experimenten, sondern über den mancher Gesetze. Einschalten!

Erstausstrahlung: 11.11.2018, 20.15 Uhr ARD

 

Wie brutal ist der "Polizeiruf 110: Für Janina"?

9.11.2018, 15.24 Uhr

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