Kritik: Frankfurt, Dezember '17

"Frankfurt, Dezember ’17" ist fast durchgängig ein beklemmendes Portrait einer erkalteten Gesellschaft. 

"Nur ein Penner"

Welche Richtung das Drama nehmen wird, macht Petra K. Wagner (Buch, Regie) nach wenigen Minuten klar. Dann nämlich, als die junge Obdachlose Sam (berührend: Ada Philine Stappenbeck) aus dem Müllcontainer eines Supermarkts ein paar Orangen fischt. Ein Angestellter verjagt sie, schreit ihr wüste Beschimpfungen hinterher. 

In der Wegwerfgesellschaft zählen Besitzansprüche eben mehr als Menschenleben. So ist es nur konsequent, dass sich niemand um den Mann schert, der am Mainufer zu Tode geprügelt wird: Lennard (Christoph Luser) war "doch nur ein Penner". 

Eiszeit

Petra K. Wagner zeigt, dass menschliche Werte schneller brechen als Knochen, sobald eigene Interessen ins Spiel kommen: Tatzeugin Irina (Lana Cooper) und Anne (Katja Flint), die Mutter eines Täters, wollen den Gewaltakt nicht ungesühnt lassen – die Männer in ihrem Leben würden dagegen über Leichen gehen, um ihren eigenen Ruf zu wahren. 

"Frankfurt, Dezember ’17" ist in den schwächsten Momenten eine unkonventionelle Großstadt-Ballade. In den besten Momenten, und die überwiegen bei Weitem, ist das Drama das beklemmende Porträt einer erkalteten Gesellschaft. Am Ende mit einem winzigen Lichtblick: Auch ein einzelner Mensch kann Spuren hinterlassen. Und die Welt etwas besser machen. Er muss nur hinsehen.

Autor: Martina Borgschulze

17.10.2018, 14.11 Uhr

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