Charité

Die Liebe in Zeiten der Tuberkulose

In der historischen Krankenhausserie "Charité" lässt Regisseur Sönke Wortmann an Drehorten in Prag das Wilhelminische Berlin auferstehen

(Nobel)-Preisverdächtig

"Der greise Kaiser, der weise Kaiser und der schei…e Kaiser". So fasst die Berliner Schnauze das politische Jahr 1888 zusammen. Offiziell ging es als das Drei-Kaiser-Jahr in die Geschichtsbücher ein. Geschichte schrieben in dieser Zeit auch drei andere Männer: die zukünftigen Nobelpreisträger der Medizin, Emil Behring (ab 1901 "von Behring"), Paul Ehrlich und Robert Koch. Sie stehen im Mittelpunkt der neuen sechsteiligen ARD-Serie "Charité". Eigentlich ein Wunder, dass niemand früher darauf gekommen ist, eine historische Ärzte-Soap zu drehen.

Denn nicht nur die Gesellschaft, auch die Medizin befindet sich 1888 im Umbruch. Im ganzen Land herrschen teils furchtbare Lebensbedingungen und erbärmliche hygienische Zustände. Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Diphtherie zählen zu den häufigsten Todesursachen. In der Berliner Charité, schon damals eine Klinik von weltweitem Renommee, arbeiten bei der Suche nach Heilmitteln zahlreiche Koryphäen Seite an Seite, darunter besagter Immunologe Behring (Matthias Koeberlin), der Chemiker Ehrlich (Christoph Bach) und der Bakteriologe Koch (Justus von Dohnányi). Letzterem war es wenige Jahre zuvor gelungen, den Tuberkulose-Erreger zu bestimmen. "Bazillenvater Koch!" ruft ihm Kaiser Wilhelm II. in der Serie so auch anerkennend entgegen. Und verspricht ihm sogleich die Gründung eines nach ihm benannten Instituts.

Drei Visionäre

Die drei visionären Wissenschaftler widmen sich fieberhaft ihrer Forschung. Mit ihrem Bestreben, durch Medikamente und Impfstoffe Krankheiten zu heilen und Leben zu retten, sind sie den Traditionalisten im Krankenhaus allerdings ein Dorn im Auge. Der Pathologe Rudolf Virchow (Ernst Stötzner), der zur Handlungszeit wohl berühmteste Arzt der Charité, vertritt die These, Krankheiten könne man nur durch die Beseitigung ihrer Ursachen bekämpfen.

Die Krankenschwestern wiederum begreifen ihre Aufgabe in erster Linie als Ausübung christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit – "Charité" eben: "Der Körper muss sich selbst heilen – mit guter Pflege und Gottes Hilfe". Mit ihrer Rückständigkeit bringen sie insbesondere den Militärarzt Behring gegen sich auf: "Wir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters! Durch unsere Forschung wird die Medizin revolutioniert, und in einigen Jahren werden wir alle Geißeln der Menschheit besiegen können. Nicht durch Gebete, sondern durch wirksame Heilmittel!"

Ähnlich stark wie "The Knick"

Regisseur Sönke Wortmann, der Anfang der Neunzigerjahre mit Filmen wie "Der bewegte Mann" die deutsche Komödie revolutionierte, ist mit "Charité" eine ebenso spannende und informative wie berührende historische Kranken­hausserie gelungen. Den Vergleich mit ausländischen Produktionen wie "The Knick" oder "Call the Midwife" braucht sie nicht zu scheuen. Nicht nur dank der durchweg (Nobel-)preisverdächtigen Besetzung, sondern auch aufgrund des klugen Drehbuches. Geschickt verweben Wortmann und die beiden Autorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann reale Ereignisse und Personen mit erfundenen Geschichten und Figuren.

Der Zuschauer erlebt die gesellschaftlichen und medizinischen Umbrüche in "Charité" durch die Augen der jungen Ida Lenze (Alicia von Rittberg). Als "Hilfswärterin" arbeitet sie in der Klinik die Kosten einer Blinddarmoperation ab. Dabei reift in ihr der Wunsch, selbst Medizin zu studieren – im Wilhelminischen Deutschland für Frauen noch ein Ding der Unmöglichkeit. Unterstützung in ihren Bestrebungen erhält Ida ausgerechnet vom übellaunigen und opiumsüchtigen Emil Behring.

Die besten Geschichten schreibt das Leben

Schon bald steht sie zwischen zwei Männern: dem ehrgeizigen Arzt und dem Medizinstudenten Georg Tischendorf (Maximilian Meyer-Bretschneider). Auch bei "Bazillenvater Koch" spielen die Hormone verrückt: Der 45-Jährige verfällt den Reizen der erst 17-jährigen Hedwig Freiberg (Emilia Schüle) und setzt für sie nicht nur seinen Ruf und seine Ehre, sondern auch seine Ehe aufs Spiel.

Jetzt übertreiben es die Macher aber mit ihren Seifenopern-Elementen? Könnte man meinen. Genau so aber hat es sich zugetragen, und aus der zweiten Frau des berühmten Wissenschaftlers wurde seine lebenslange Partnerin auf Augenhöhe. Die besten Geschichten schreibt eben doch das Leben.

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