"Aufbruch ins Ungewisse"

Brisanter Perspektivwechsel

Im TV-Drama "Aufbruch ins Ungewisse" flieht eine deutsche Familie aus einem totalitären Europa nach Afrika. Es lohnt, sich auf das gewagte Gedankenspiel einzulassen: Es ist ebenso verstörend wie erhellend.

Flucht nach Afrika

Deutsche auf der Flucht. Das gab es nicht selten in den letzten 100 Jahren. Flucht vor den Nazis, Flucht aus dem Osten, Flucht aus der DDR. Vorbei. Gottlob vorbei. Was, wenn nicht? Die Filmproduzentin Kirsten Hager spann diese Vision weiter. Ihr Blick in die Zukunft sieht so aus: Nationalisten gewinnen hier die Oberhand, sie kündigen Europas Einheit auf. Autoritäre Systeme etablieren sich. Menschen, die anders denken, anders schreiben, anders sind, werden gnadenlos verfolgt. Letzter Ausweg: Flucht. Ziel: Afrika.

Darf man das?

"So ungewöhnlich wie konsequent" fand die verantwortliche WDR-Redakteurin Sophie Seitz Kirsten Hagers Idee. Die Sorge: Darf man das - eine aktuelle Tragödie einfach umdrehen? Sophie Seitz: "Ist das schon Whitewashing oder noch öffentlich-rechtliches Fernsehen?" Letzteres, so ihre Antwort.

Das Ergebnis ist jetzt zu sehen - als "Beitrag zur Meinungsbildung: die anonymen Schicksale von Menschen anderer Sprache und Hautfarbe erfahrbar(er) zu machen, indem man den Blickwinkel umkehrt", so Seitz. Entstanden ist ein Film, der provoziert – in jedem Fall zu persönlicher Position.

Schwere Kost

"Kaltlassen wird der Film jedenfalls niemanden", ist sich Maria Simon sicher. Sie spielt Sarah Schneider. In einer nahen Zukunft flieht sie mit ihrem Mann Jan (Fabian Busch), der halbwüchsigen Tochter Nora (Athena Strates) und dem kleinen Nick (Ben Gertz) aus einem totalitären Deutschland: Jan ist als Anwalt der Verfolgten ins Visier des Systems geraten.

Man findet sich in einem Schlauchboot vor der namibischen Küste wieder. Es kentert – Nick geht über Bord ... Albtraumhafter Beginn einer Odyssee durch die Hölle – zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Vorwürfen und Ermutigung, Perspektive und Resignation. Das ist schwere Kost. "Vielleicht wird es sogar Zuschauer geben, die wegschalten werden, weil sie sich das nicht angucken können", mutmaßt Hauptdarstellerin Maria Simon. Aber dranbleiben lohnt sich, der filmische Perspektivwechsel bewegt - wie auch die Publikumsreaktionen zeigten.

"Das muss man machen"

Fabian Busch hatte anfangs Bedenken: "Darf man das machen, die Rollen einfach umdrehen und sich das Leid der Flüchtlinge sozusagen anzueignen, sich all der Bilder zu bedienen, die wir in den Nachrichten täglich sehen, und einen fiktionalen Film daraus zu machen? Mittlerweile ist der Film auf mehreren Festivals gelaufen, und wir haben die Zuschauerreaktionen mitbekommen. Und spätestens da wurde mir klar: Das darf man nicht nur, das muss man machen."
 

3 Fragen an Kirsten Hager ...

... Koproduzentin "Aufbruch ins Ungewisse"

Wie kam es zur Filmidee, eine deutsche Familie nach Afrika fliehen zu lassen?

Kirsten Hager: Wir wollten ein Einzelschicksal beschreiben und eine emotionale Identifikation mit den Flüchtlingen ermöglichen.

Der Fluchtgrund ist Verfolgung durch ein totalitäres System. Warum?

Kirsten Hager: Wir haben renommierte Zukunftsforscher der Uni München gefragt, was eine solche Fluchtbewegung auslösen könnte. Es stellte sich heraus, dass Rechtsnationalismus ein Thema sein kann.

Die Mühe hat sich gelohnt?

Kirsten Hager: Viele Zuschauer sagen uns, wie sehr ihnen der Film mit seinem Perspektivwechsel zu denken gegeben habe.

 

 

5.2.2018, 17.32 Uhr

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